Zur neunten Runde Anand gegen Carlsen schaut die ganze Welt aufs Hyatt Regency Hotel zu Chennai, und hier, am südindischen Spielort der WM, fühlt es sich an, als ob die Spannung gleich Funken schlagen würde. Viswanathan Anand, der waidwunde Tiger von Madras, wird heute seine Krallen zeigen; das gilt auf den Fluren als Gewissheit. Denn wann sonst? Es sind nur noch vier Partien zu spielen, er liegt zwei Punkte zurück, und gewonnen hat er noch nichts. Now or never, Vishy! Wenn Weltmeister Anand seinen Herausforderer Magnus Carlsen jetzt bezwingt, dann wird es in den verbleibenden Partien endlich das Kampfschach geben, von dem alle Schachfreunde träumen.

Anand erscheint fünf Minuten vor drei im gelben Hemd und in aufgeräumter Stimmung auf der leicht erhöhten Bühne des Ballsaals. Ein kaum merkliches Lächeln umspielt seinen Mund, als er am Spieltisch Platz nimmt und den korrekten Stand seiner Figuren überprüft. Die Springer dreht er so, dass sie mit dem Kopf nach vorne schauen, als wollte er sie einstimmen auf das verwegene Vorpreschen ins gegnerische Lager.

Nur vier Reihen entfernt macht sich die schwarze Guerilla zum Einsatz bereit. Auch Carlsen justiert seine Springer. Sie schauen einander an, als wollten sie sich nie aus den Augen verlieren. Carlsen ist ein Meister des Zusammenhalts; seine Figuren finden wie von allein auf die richtigen Felder.

Anand eröffnet erstmals mit dem Doppelschritt des Damenbauern, 1. d4. Beifall brandet auf! Die Inder dominieren im Spielsaal, während die Norweger, von denen täglich mehr aus Oslo eingeflogen kommen, sich vor ihren iPads in der Lobby versammeln und siegestrunken Kingfisher ordern, ein königliches Bier aus lokaler Fabrikation. "Wir haben so viel zu feiern, dass wir früh beginnen müssen", sagt Fridthjof Søgaard, ein gut gelaunter Mann in kurzen Hosen, der sich als "Schachtourist" bezeichnet. Ausweislich seiner Visitenkarte ist er Generaldirektor der Finanzabteilung des norwegischen Verteidigungsministeriums.

Nicht weit von ihm entfernt fiebern A. Bharath und S. Sasi Kumah den Kampfhandlungen entgegen, zwei schmale 17-Jährige in rosafarbenen Schuluniformen. "Ich liebe Schach, es ist ein friedliches Spiel", sagt der eine. – "Ich hoffe", sagt der andere, "dass heute und überhaupt Anand gewinnt."

Carlsen wählt die nimzoindische Verteidigung, passend zum Subkontinent, Anand den Bauernzug 4. f3 nach dem Vorbild des deutschen Meisters Fritz Sämisch, der einst in Kiel lebte, kurz vor Oslo.

Die Spannung springt über aufs Brett. Im Nu verkeilt Carlsen die Bauern im Zentrum, und Anand stürmt mit einem Bauern am Königsflügel vor, sich die ganze rechte Seite aufreißend. Wer so spielt, will kein Remis. Der will den Kopf rollen sehen.