Ob Viswanathan Anand die sechste Partie gewinnen will, wissen wir nicht. Er gibt keine Erklärungen ab, bevor er um kurz vor 15 Uhr Ortszeit die Bühne im Ballsaal des Hyatt Regency Hotels zu Chennai betritt, auf der ihn der Herausforderer Magnus Carlsen am Spieltisch schon erwartet. Vielleicht würde sich Anand in dieser sechsten Runde auch mit einem Remis begnügen, um sich etwas zu verschnaufen nach der langwierigen, komplizierten Partie am Freitag, die er nach einem fehlerhaften Zug furchtbar verlor. Aber er hat Weiß jetzt. Und wann gewinnen, wenn nicht jetzt mit dem Anzugsvorteil.

Der Weltmeister beginnt mit dem Doppelschritt des Königsbauern, Spanisch, seit Jahrhunderten bewährt. Der charakteristische Läuferzug auf das Feld b5 verspricht dem Weißen mehr Initiative als Italienisch, Schottisch oder all die anderen so schön benannten Eröffnungsvarianten der Offenen Spiele.

Carlsen greift wieder zur Berliner Verteidigung, unter Schachspielern "Berliner Mauer" genannt, weil sie so undurchdringlich ist. Schon in der vierten Partie kam diese Variante aufs Brett, aber diesmal weicht Anand sofort ab. Er vermeidet den frühzeitigen Abtausch der Damen, um Carlsen nicht entgegenzukommen. Der Norweger ist bekannt dafür, in einfachen, ja langweiligen Positionen zu voller Form aufzulaufen. Dann kommen ihm die besten Ideen, kleine Tricks, üble Fallen, dann entfaltet er diesen unterschwelligen, unangenehmen Druck. Mancher Gegner strauchelt dann, eine Ungenauigkeit, und aus – denn Carlsen spielt fast fehlerfrei.

Anand dagegen ist ein begnadeter Taktiker. Je unübersichtlicher die Position, desto mehr fällt ihm ein. Er vermeidet also jetzt die Vereinfachung, öffnet allerdings auch keine Linien, sodass die Partie sich zunächst ganz ruhig entwickelt, weg vom Mauersystem hin zu einer Stellung, wie man sich aus Hauptvarianten der Spanischen Partie kennt.

Beide sind sich auf diesem Terrain schon öfter begegnet. Nun geschieht Seltsames. Anand meidet jede Schärfe. Im 11. Zug könnte er den Läufer auf e6 abtauschen; Schwarz bekäme eine leicht aufgerissene Bauernstellung. Ob dieser Tausch nun gut oder schlecht ist, darüber ließe sich wohl streiten. Aber er hätte mehr Dynamik aufs Brett gebracht. Anand vertraut stattdessen auf die Fesselung des schwarzen Königsspringers durch seinen Läufer auf g5. Carlsen findet indes ein entlastendes Manöver. Er zieht seinen bereits entwickelten Damenspringer im 13. Zug wieder auf die Grundreihe zurück, um ihn im 14. Zug in Richtung Königsflügel zu bewegen und den gefesselten anderen Springer zu decken. Im 17. Zug schließlich nimmt er die Dame aus Schusslinie des Läufers.

Das alles kostet einige Zeit. Er nimmt sie sich. Und er hat sie. Denn Anand vermag es nicht, ihm währenddessen ernstliche Probleme zu stellen. Im 21. Zug tauscht Anand den Läufer ab. Danach ist gar nichts mehr los.

Zwar rückt der Weltmeister im 23. Zug noch seine Dame nach g4, von wo aus sie, über die schwarze Bauernreihe hinweg, den feindlichen König ins Visier nimmt, aber grimmige Blicke über den Zaun allein, ohne weitere Unterstützung, können auch sehr hilflos wirken. Anands Damenzug sagt aller Welt: Ich will jetzt Angriff. Alle Welt sieht: Das ist ein Papiertigerzug.