Zuerst versucht Uli Hoeneß noch, unauffällig zu weinen. Er reibt seine Augen mit Daumen und Zeigefinger, rutscht tief in seinen Stuhl. Doch das Klatschen im Saal wird immer lauter und je lauter es wird, umso heftiger schluchzt er. Die Leute stehen auf, alle, und irgendwann, als Letzter, steht auch Hoeneß auf und heult elendig. "Es gibt nur einen Uli Hoeneß", singen die Leute.

Es dauert ein paar Minuten bis sich alle wieder gefasst haben auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern. Die 3.573 Mitglieder, die erkannt haben, dass dieser Abend ein besonderer ist. Karl-Heinz Rummenigge, der mit seinen Dankessätzen an Hoeneß die Emotionen erst auslöste. Und natürlich Hoeneß selbst, dem die Tränen langsam trockneten und der in dieser Zeit tatsächlich so etwas wie Reue oder gar Demut ausstrahlte. Es hat sich etwas aufgestaut in dem Mann, was er hier endlich rauslassen kann.

Sie ist schließlich unter sich, die Bayern-Familie. Es ist sogar der härteste Kern versammelt, die Mitglieder. Das passende Habitat für Hoeneß, auf der Bühne vor dem großen Bayern-Emblem, das sie hinter ihm an die Wand genagelt haben. Nebendran stehen die Trophäen aus Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League, Europäischem Supercup, blankpoliert, alle vier. Es sind auch seine Pokale. Es ist seine Bühne. Ohne Hoeneß wären sie niemals hier.

Vertrauen auf die bayerische Justiz

Es wäre ein guter Ort, um zu sagen: Hört zu Freunde, es reicht. Schlussmachen, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, um Schaden vom Verein abzuwenden, weil er bald vor Gericht muss wegen Steuerbetrugs. Vors Landgericht München II, wo auch über Beate Zschäpe geurteilt wird. Doch Hoeneß denkt gar nicht dran. Er wird sogar noch stärker aus diesem Abend hervorgehen.

"Ich habe einen großen Fehler gemacht", so beginnt Uli Hoeneß seine Rede. Das war es dann mit der Reue. Stattdessen Offensive: Er und seine Anwälte seien bis heute der Meinung, dass seine Selbstanzeige wirksam sei, er vertraue auf die bayerische Justiz und Rufe nach seinem Rücktritt kämen ja ohnehin nur von außen. Außerdem habe er in seinem Leben zig Millionen Euro an Steuern bezahlt, habe fünf Millionen für soziale Zwecke gespendet. Deshalb habe er beschlossen, nach seinem Prozess eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen. "Ich möchte ihnen das Recht geben, zu entscheiden, ob ich noch der richtige Präsident für diesen Verein bin", sagt Hoeneß. Wieder stehen die Leute auf und klatschen. Er kann sich das sparen, das Ergebnis ist klar. Es ist an diesem Abend jedenfalls niemand zu finden, der Hoeneß nicht mehr will.

Nicht die beiden Mädels in ihren Dirndln, auf deren Hinterseiten die Muster von Fußbällen gestickt sind. Auch nicht die Anzugträger, die heute die Bayern-Krawatte umbanden. Erst recht nicht der Kerl, mit dem Mir-san-Uli-Shirt. Und natürlich nicht die Leute mit den Hoeneß-Plakaten. Es gibt keine Buhrufe, nicht einmal hörbares Murren. Auf der Bühne steht ein Steuerbetrüger, die betrogenen Steuerzahler vor ihm jauchzen wie von Sinnen.

Es ist eine absurde Bayern-Blase, die sich an diesem Abend auftut. Hier, im geschützten Raum des größten deutschen Fußballklubs, gelten scheinbar keine juristischen, keine moralischen Maßstäbe. Hier gilt nur der Fußball. Und für dessen Rekordzahlen, die an diesem Abend wie nebenbei verkündet werden, ist Hoeneß der Hauptverantwortliche: Rekordumsatz, Rekordgewinn, so viele Titel wie nie zuvor und auch so viele Mitglieder. Das wollen sich die Bayern nicht nehmen lassen.