ZEIT ONLINE: Herr Polzin, Magnus Carlsen ist mit 22 Jahren Weltmeister. Hätten Sie das gedacht?

Rainer Polzin: Ich habe ihn schon als klaren Favoriten gesehen. Aber ich wundere mich doch, dass die WM so einseitig war. Selbst die letzte Partie am Freitag hätte er gewinnen können. Das war in dieser Deutlichkeit wirklich überraschend.

ZEIT ONLINE: Sie schauten womöglich noch interessierter nach Chennai als andere. Magnus Carlsen hat als 14-Jähriger einmal für ihren Klub, die Schachfreunde Neukölln gespielt. Wie das?

Polzin: Wir haben damals im Europapokal gespielt. Da kamen Mannschaften aus allen europäischen Ländern zusammen, auch aus Norwegen. Magnus Carlsen hat dort schon 2001 als Zehnjähriger mitgespielt und wir sind ins Gespräch gekommen. Später haben wir ein paar mal gemailt und ich habe ihn gefragt, ob er nicht mal ein Wochenende in der Bundesliga spielen will. Er wollte.

ZEIT ONLINE: War es schwierig, ihn davon zu überzeugen?

Polzin: Er hatte schon zu dieser Zeit viele Termine. Er wurde da gerade richtig bekannt und konnte sich die Einladungen aussuchen. Er war ja schon Großmeister. Mit 14 Jahren! In dieser Zeit wurde auch das erste Buch über ihn veröffentlicht: Wunderjunge.

ZEIT ONLINE: War er einer?

Polzin: Auf jeden Fall. Er hatte ein wahnsinniges Wissen über Schach. Er hat sich mit einem damaligen französischen Spieler von uns über Schacheröffnungen unterhalten. Da habe ich Bauklötze gestaunt. Zudem war er ein Sprachtalent. Er hat sich einfach an den Tisch gesetzt und sich mit uns auf Deutsch unterhalten. Ohne Probleme. Das hat mich völlig verdutzt.

ZEIT ONLINE: Es gibt ein Bild von damals. Da sieht er aus wie ein ganz normaler Junge. Neben ihm seine Limo und ein Apfel.

Polzin: In gewisser Weise hat er sich überhaupt nicht geändert. Die Sitzhaltung sieht aus wie damals, das war schon immer ein bisschen fläzig. Da ist es nur nicht so aufgefallen, weil er noch so klein war. Er sitzt heute noch sehr locker am Brett. Und auch heute sieht man noch zumindest zu Beginn der Partien Obst und Getränkeflaschen rumliegen.

ZEIT ONLINE: Wie war er abseits des Bretts?

Polzin: Sehr natürlich. Es wird ja immer gesagt, er redet nicht so gerne. Das stimmt einfach nicht. Er war ein ganz normaler Junge, der viel und gerne quasselt und der sich sehr, sehr gut auskennt. Neben Schach auch im Fußball. Was er über Fußball wusste, war absolut beeindruckend. Mehr als ich jemals wusste. Der kannte die Tabellen aus Frankreich, England, Spanien und Deutschland auswendig. Hier noch ein Detail, da noch eines. Irgendwann sagte seine Mutter: "Magnus, Du hast Dänemark vergessen!" Alle anderen lachten, nur Magnus redete weiter.

ZEIT ONLINE: Es heißt ja, er sei ein wenig unnahbar.

Polzin: Nein. Alle, die ihn mal kennen gelernt haben, können das nicht bestätigen. Er ist nur unnahbar gegenüber Journalisten.

ZEIT ONLINE: Warum?

Polzin: Keine Ahnung. Er unterhält sich nicht gerne mit Journalisten. Vielleicht hat er mal schlechte Erfahrungen gemacht.

ZEIT ONLINE: Mussten Sie tief in die Vereinsschatulle greifen, um den jungen Carlsen nach Berlin zu holen?

Polzin: Nein. Es ging für ihn darum, gute Gegner zu bekommen. Eine Sache, die damals vollkommen klar war: Er spielt am ersten Brett und bekommt den stärksten Gegner der anderen Mannschaft. Unsere Spieler, die dahinter gespielt haben, waren damals nicht schlechter als er. Aber das war die Abmachung: Wenn er schon am Wochenende nach Deutschland tingelt, bekommt er auch den besten Gegner, den er kriegen kann.

ZEIT ONLINE: Die anderen Spieler haben das auch ohne Murren hingenommen.

Polzin: Logisch. Heute sind alle glücklich darüber, mal mit Magnus Carlsen in einer Mannschaft gespielt zu haben.