Wenn man Frank L. glaubt, hat er ein ziemlich schlechtes Gedächtnis. Ob ihn mal jemand gebeten habe, eine Waffe zu verkaufen? "Kann ich mich nicht dran erinnern." Ob er mal mit seinem Mitarbeiter über Waffen gesprochen habe? "Man muss nicht immer alles wissen." Und erinnert er sich an diese brisanten Sätze, die er vor knapp zwei Jahren der Polizei zu Protokoll gegeben hatte? "Weiß ich doch heute nicht mehr."

Das Problem ist nur: Niemand in dem Münchner Gerichtssaal, in dem der NSU-Prozess verhandelt wird, glaubt Frank L. An dem kleinen Tisch gegenüber der Richterbank sitzt demnach nicht ein gedächtnisschwacher Zeuge, sondern eine zentrale Figur der rechten Szene von Jena – ehemals Betreiber des einschlägigen Klamottenladens Madley, Bekannter von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Und jemand, der bei der Beschaffung der Mordwaffe des NSU an der Schnittstelle saß.

Am 53. Prozesstag beschäftigt sich das Gericht erneut mit der Frage, wie die Pistole mit Schalldämpfer in die Hände der mutmaßlichen Terroristen gelangte. Klar ist, dass sie von einem Schweizer Waffenhändler stammt, der sie in Umlauf brachte. Laut Anklage kam sie im Anschluss über zwei Schweizer und mehrere Deutsche an den NSU. Demnach gab ein Mann aus der Schweiz sie an Jürgen L., der später als Zeuge geladen ist, dieser wiederum brachte sie dem Madley-Mitarbeiter Andreas Sch. Über ihn gelangte die Ceska an Carsten S., der sie im Auftrag von Ralf Wohlleben dem untergetauchten Trio übergab. S. und Wohlleben sitzen auf der Anklagebank.

Der 40-jährige Frank L. ist in mehrerlei Hinsicht für den Prozess interessant: Erst durch seine Vermittlung soll der Waffenkauf zustande gekommen sein. Er soll Wohlleben und S. an seinen Mitarbeiter Sch. verwiesen haben, als diese ihn nach einer Waffe fragten. Zudem galt er dem Verfassungsschutz bis zum Jahr 2000 als Szenemitglied. Wusste L. damals, welcher Ideologie Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe folgten? Könnte er heute bezeugen, dass sich die Kameraden für den bewaffneten Widerstand begeisterten?

Das Vernehmungsprotokoll habe er nur überflogen, sagt Zeuge L.

L. hat erkennbar keine Lust, bei der Aufklärung zu helfen. Obwohl er aus der Zeit, als das Trio aus Jena gerade in den Untergrund gegangen war, sicherlich viel erzählen könnte: Von 1995 bis 2008 führte er das Madley, es war der einzige Laden seiner Art in der Stadt. Es gab Schuhe, Jacken und CDs, später lag auch die Szenemarke Thor Steinar in den Regalen. Sein alter Freund Sch. sei anfänglich Teilhaber gewesen, später habe er als Verkäufer dort gearbeitet. Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe, Wohlleben – sie alle waren mal im Madley. Das Gericht will herausfinden, ob hier um die Jahrtausendwende die Ceska den Besitzer wechselte.

L. geriet knapp drei Monate nach Auffliegen des NSU ins Blickfeld der Ermittler. Die Kette der Menschen, die mit der Waffe zu tun hatten, klapperten die Beamten einfach rückwärts ab. Sch. sagte der Polizei, Ralf Wohlleben habe damals den Ladenbesitzer nach einer Pistole gefragt, später habe Carsten S. die
Waffe bei ihm gekauft.