Die Strahlkraft Olympias hat nicht gereicht. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper reagierten enttäuscht auf die überraschend deutliche Abstimmungsniederlage für ihr Großprojekt Olympia 2022 . An allen vier potenziellen Standorten sprachen sich die Bürger dagegen aus.

Ausgerechnet die vermeintliche Wintersportnation Deutschland muss sich jetzt fragen lassen, wie sie der Öffentlichkeit künftig dieses Selbstverständnis und die gleichzeitig ablehnende Haltung gegenüber der Ausrichterrolle erklären will. Ausschlaggebend für das Debakel sei die "zunehmende Skepsis in Deutschland gegenüber Großereignissen", vermuteten Ude und Vesper unisono. "Ich persönlich glaube, dass es unsere letzte Chance war, Winterspiele zu bekommen", sagte Thomas Schmid, Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen. Seit Sonntag ist klar: So schnell werden Olympische Spiele nicht nach Deutschland zurückkehren  – egal, ob im Winter oder im Sommer.

Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag und entschiedener Gegner der Spiele in Bayern, befand hingegen: "Das Votum ist kein Zeichen gegen den Sport, aber gegen die Profitgier des IOC. Ich glaube, in ganz Deutschland sind Olympia-Bewerbungen mit dem heutigen Tag vom Tisch." Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern, schloss sich dem an: "Ökologisches Bewusstsein und Heimatliebe der Bürger haben über Kommerz und Gigantismus gesiegt." Der Entscheid sei ein "Weckruf an das Internationale Olympische Komitee und den Deutschen Olympischen Sportbund, wieder zum Ursprung der olympischen Idee zurückzukehren und sich von einseitigen Knebelverträgen zu verabschieden".

"Für die olympische Bewegung bedenklich"

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muss sich tatsächlich überlegen, warum die Bürger traditioneller Wintersportländer wie der Schweiz oder Deutschland Olympische Spiele in ihrer Region ablehnen. Der neue IOC-Präsident Thomas Bach hatte bereits in seinem Wahlkampf angekündigt, die Vergabekriterien künftiger Spiele modifizieren zu wollen. So sollen Bewerbungen in Zukunft mehr auf nationale Identitäten und Kulturen der jeweiligen Gastgeber abzielen.

"Für die olympische Bewegung ist es bedenklich. Wenn sich solche traditionellen Länder wie die Schweiz oder Deutschland als Ausrichter zurückziehen, ist dies eine gefährliche Entwicklung", sagte Josef Fendt, Präsident des Internationalen Rennrodelverbandes (FIL). Für ihn waren die abstimmenden Bürger "falsch informiert". Bedenken der Umweltschützer und ein klares Nein zur Kostenexplosion und zu den "IOC-Knebelverträgen" seien am Ende die Gründe gewesen, so Fendt. Ude selbst hatte in der Vergangenheit den Vertrag, den das IOC jedem Olympia-Gastgeber zur Unterschrift vorlegt, als Zumutung bezeichnet.

Keine Chance für Spiele in Deutschland?

München 2022 war bereits der fünfte vergebliche Versuch, olympische Spiele in Deutschland auszurichten. Bei der Vergabe der Spiele 1992 schied Berchtesgaden in der ersten Runde aus, Berlin scheiterte bei der Abstimmung über den Olympia-Ausrichter 2000 in Runde zwei. Leipzig wurde beim Rennen um die Spiele 2012 gar nicht erst zur Endrunde zugelassen, und München verlor das Wahlfinale um Olympia 2018 klar gegen den südkoreanischen Favoriten Pyeongchang.

Auch Sportler fragen sich, ob es noch einmal olympische Spiele in Deutschland geben wird. Der frühere Skisprung-Star Sven Hannawald sagte: "Das ist eine Klatsche, wie ich sie im Leben nie erwartet hätte, ein 0:4 Debakel. Wie will man so ein Highlight wie Olympische Spiele jetzt noch nach Deutschland bringen?" Ski-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch glaubt, dass der eine oder andere es später noch einmal bereuen werde. Auch Rodel-Olympiasieger Felix Loch reagierte enttäuscht: "Oh Mann, war wohl nix mit Olympia dahoam", schrieb der Berchtesgadener auf seiner Facebook-Seite .