Für Montag mittag, viertel nach zwölf, ist die Siegerehrung angesetzt. Aber sie beginnt – rätselhaftes Indien! – eine Viertelstunde vorher und ist schon vorbei, als sich die letzten Gäste  in den proppenvollen Ballsaal des Hyatt Regency Hotels hineindrücken.

Die Ministerpräsidentin des Bundesstaates Tamil Nadu ist da, J. Jayalalithaa, und auch der Weltschachpräsident Kirsan Nikolajewitsch Iljumschinow aus Kalmückien. Es gibt reichlich Blumen und einen Kranz für den Sieger, aber keine Reden, keine Dankesworte.  

Der neue Schachweltmeister Magnus Carlsen bekommt einen funkelnden Pokal in die Hand gedrückt und einen großformatigen Scheck, der mehr als eine Million Euro wert ist. Anand erhält eine Medaille und geht mit gut 700.000 Euro nach Hause. Die Hymnen Norwegens und Indiens werden gespielt, und das war es dann.

Die Siegerehrung wird nach dem Geschmack Carlsens gewesen sein. Er ist kein Mann der vielen Worte. Seine Antworten auf all die Fragen nach seinem Titelgewinn lassen sich in zwei englischen Sätzen zusammenfassen: "It feels good" und "I don't know".

Weil etlichen Reportern so ein Ichweißnicht nach fast drei Wochen des Berichtens nicht genügt, lungern sie übers Wochenende in der Lobby des Wettkampfhotels herum, auf Interviews hoffend. Aber Carlsen zeigt sich nicht und äußert sich auch nicht. Die vielen Gesprächsbitten laufen ins Leere. Sie werden nicht einmal abgelehnt.

Am Sonntagnachmittag, erzählt man sich, sei er mit den norwegischen Reportern Fußballspielen gewesen. Beweglichkeit genießt bei ihm einen höheren Stellenwert als Höflichkeit, aber er kann ja noch lernen.

Nach der Siegerehrung gibt es einigen Tumult, als Fotografen einmal mehr um die besten Bilder rangeln. Weder Carlsens Management noch die WM-Veranstalter scheinen die Lage so recht im Griff zu haben. Der Weltmeister ergreift die Flucht.

Später sieht man ihn durch die Glastür in einem abgeschotteten Raum neben dem Pressezentrum, mit ausgewählten Journalisten kurze Gespräche führend. Einer der Glücklichen ist der Spanier Leontxo García, der 48 Stunden lang auf diese 15 Minuten gewartet hat. Seine für den Montag in El Pais eingeplante Sonderseite musste er platzen lassen, weil er nicht wusste, was er schreiben sollte. García berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über Schach: So ein Verhalten eines Weltmeisters, sagt er, habe er noch nicht erlebt.

Die neue Ära ist also da, und man darf gespannt sein, was sie der Schachwelt bringen wird außer Werbeplakaten mit einem so schweigsamen wie gutaussehenden jungen Mann, der am Brett alles niederbügelt, was ihm entgegentritt.

In Chennai ist Carlsen mit 6,5 zu 3,5 Punkten der klare und verdiente Sieger. Aber die zehn Partien haben die Schachfreunde etwas enttäuscht. Nicht eine ist so schön, dass sie für die Geschichtsbücher taugt. Dieser Wettkampf handelt vom Pressing Carlsens und von einem Anand, der dem nicht standhält. Es stimmt, dass Carlsen auf die sonst übliche Eröffnungsvorbereitung mit dem Computer verzichtet, dafür gleicht sein Spiel im weiteren Verlauf der Partie dem eines Rechners. Vergleicht man seine Züge mit den Vorschlägen des stärksten Schachprogrammes Houdini, soll Carlsens Trefferquote bei fast neunzig Prozent liegen. Drücken und Vollstrecken, das ist sein aktueller Stil.

Für Anand ist die Niederlage bitter. Die Titelverteidigung im eigenen Land wäre die Krönung seiner Karriere gewesen. Die sportbegeisterten Inder sind enttäuscht, aber sie zeigen es nur in Maßen. Sie freuen sich über Indiens großen Auftritt in der Schachwelt. Wo Chennai liegt, das weiß man jetzt.