Schachweltmeisterschaften gab es zuletzt im schweizerischen Brissago, in Bonn, in Sofia und in der Weltschachhauptstadt Moskau – aber nie waren zu Anfang einer WM so viele Zuschauer da wie jetzt im indischen Chennai. Woran mag das liegen? Weil es überhaupt so viele Menschen in diesem dicht bevölkerten Land gibt, in dieser mit allem Drumherum auf acht Millionen Einwohner geschätzten Stadt? Weil Indien inzwischen das Land mit den meisten aktiven Schachspielern ist, vor Frankreich, Russland und Deutschland? Oder weil ein frecher junger Wikinger dem Tiger von Madras das Fell über die Ohren ziehen will?

Vielleicht spielt das alles eine Rolle. Jedenfalls ist in der Eingangshalle des Hyatt Regency Hotels schwer was los. Ein Riesengedrängel, man schiebt sich gegenseitig vor und zurück, und wer noch kein Ticket hat, versucht eines zu kriegen. 2.000 Rupien, gut 20 Euro, kostet die billigste Eintrittskarte, 26.000 Rupien, mehr als 300 Euro, die teuerste. Dafür sitzt man dann ganz weit vorne, nur wenige Meter von der Bühne mit dem Schachtisch entfernt, und sieht jedes Zucken der Akteure.

Wer kein Geld hat oder keines ausgeben will, muss nicht draußen bleiben. Es gibt Gästetickets, mit denen man zwanzig Minuten im Saal sein kann, ohne etwas zu bezahlen. Vielen reicht das. Nicht jeder will den Meistern stundenlang beim Grübeln zuschauen, sondern nur einmal die Atmosphäre schnuppern. 

Tumult unter den Fotografen

Immer sehenswert sind die ersten fünf Minuten. Dann nämlich, und nur dann, dürfen die Pressefotografen ihre Bilder machen. Hier sind es mehrheitlich indische Kollegen, die täglich Anschauung brauchen für die ausführlichen Berichte in den großen Zeitungen. Ob The Hindu, The Times of India oder The Sunday Express, keine Seite eins kommt an diesem Wochenende ohne ein Bild von Anand und Carlsen aus. Schach ist im Moment noch größer als Cricket.

Die indischen Fotografen stehen nicht brav vor der Glasscheibe, die den Zuschauerraum von der Bühne trennt, auf der die Spieler schon ihre ersten Züge ausführen. Sie rudern mit den Armen, schimpfen laut, wenn ihnen wieder jemand vor der Linse steht, schubsen und werden geschubst, und am Sonntag gibt es sogar kurz einen kleinen Tumult, als einer, von seinem riesigen Objektiv beschleunigt, fast umfällt und zwei andere mit sich reißt, die ihm das verlorene Gleichgewicht gleich heimzahlen wollen. Saalordner gehen dazwischen, es gibt eine Rangelei, und fast wäre das Fotografenknäuel gegen die Glasscheibe geknallt.

Carlsen, mit den vielen Läuferzügen der Caro-Kann-Verteidigung beschäftigt, sieht vom Brett auf. Es ist nicht klar, ob die Helden auf der Bühne vom Geschehen im Saal überhaupt etwas mitbekommen. Sie haben eh andere Sorgen.

In der Eingangshalle stellen sich gerade Swami und Lakshmi um Gratistickets an. Das fröhliche Paar ist mit seinen zwei Töchtern da, Seroginy, 7,  und Krishna, 4. Alle tragen lässigen urbanen Chic; das beste T-Shirt hat die kleine Krishna: "Fun. Cute. Happy. Loud." steht in bunten Lettern darauf: Spaß. Niedlich. Glücklich. Laut.

Eigentlich ein Programm, das zu Magnus Carlsen passt, dem sportbegeisterten Norweger, der modelt und jettet und lange schläft, der sein Leben rund um den Globus nach dem Lustprinzip führt und es mit 22 Jahren schon zum Herausforderer des Schachweltmeisters gebracht hat. Aber die junge Familie kommt nicht wegen Carlsen. Sie hält zu Anand. "Ich habe seine Karriere von Anfang an verfolgt", sagt Swami. Und nun spiele er nach vielen Jahren erstmals wieder in seinem Heimatland.