Nun zeigt er sich endlich. Der Schachweltmeister Viswanathan Anand, der seit Anfang der Woche im Wettkampfhotel wohnt, ohne dass ihn jemand gesehen hätte, erscheint zur Eröffnungspressekonferenz. Gleich neben ihm  auf dem Podium: sein Herausforderer Magnus Carlsen, der nie unbemerkt bleibt, weil er auf Schritt und Tritt von Kameras und Mikrofonen verfolgt wird, die er nicht abschütteln kann. Oder nicht wirklich abschütteln will, weil sie seinen Ruf und seine Werbeeinnahmen mehren.

Anand und Carlsen – es ist ihr erstes Aufeinandertreffen in Chennai (Video hier). Im Raum vor ihnen drängeln sich mehr als 100 Journalisten um die wenigen Plätze. Tumulte bleiben aus, denn sobald die Helden etwas sagen, wird es still im Saal – man will  hören, was sie mitzuteilen haben und hier geht es jetzt um jede Nuance.

Der Weltmeister wirkt locker. Sein Lächeln ist fast ein Strahlen. Punktabzug geben die fast randlose Brille und das blaue, kurzärmelige Hemd. Trägt er das nicht bei jedem Spiel, auf jedem Foto seit Jahren? Er sieht immer gleich aus. Bei Anand alles beim Alten! Aber vielleicht ist das unfair. Es ist so viel über Carlsen als Model geschrieben worden, dass man fast automatisch den Blick auf die Kleidung richtet.

Das gilt allerdings auch für Carlsen. Er trägt ein weißes Hemd, den obersten Knopf geschlossen, darüber eine graue Weste. "Er sieht aus, als ob er zur Hochzeit wollte", wird gleich im Internet gespottet. Oder, beißender noch: "Spielt er jetzt Snooker?" Das niederländische Modelabel G-Star hat ihn gerade ein zweites Mal unter Vertrag genommen. Möglicherweise ist die neue Kollektion noch nicht fertig.

Es wird deutlich: Anand ist doppelt so alt wie Carlsen

Carlsen hat den Mund halb geöffnet und zeigt seinen unwirschen Blick. Er lächelt kurz – und ganz süß  –, als ihm Anand die Hand reicht. Manchmal hat man den Eindruck, dass er seine Mimik bei Bedarf erst einschalten muss. Und nicht immer scheint es ihm rechtzeitig einzufallen.

Pressekonferenzen, nicht nur im Schach, sind meist langweilige Veranstaltungen,  weil kein vernünftiger Journalist eine interessante Frage vor aller Ohren stellt. Man möchte die Antwort ja exklusiv haben. Als ein indischer Kollege von Anand wissen will, wer seine Sekundanten seien, die ihn während des Zweikampfes unterstützen, denkt wohl jeder im Saal: Die Frage nun wieder! Seit Wochen wird sie gestellt, und eine Antwort wird es nicht geben.

Was macht Anand? Er nennt vier Namen. Der Saal ist außer sich. Manch einer bekommt die Namen in der Aufregung gar nicht mit. Und was macht Carlsen? Er hebt die Augenbrauen, zieht die Mundwinkel nach unten, lächelt verdruckst zur Seite, greift nach seinem Glas Wasser und macht mit dem Schluck, bevor er ihn in den Hals gleiten lässt, erst einmal eine Mundspülung. Als ob ihm das alles nicht schmecken würde. Peter Leko war der letzte Name, den Anand nannte: ein ungarischer Chef-Theoretiker und Remiskönig. Ein Mann, der manchmal gewinnt, aber so gut wie nicht zu schlagen ist.

Natürlich wird die Sekundanten-Frage sofort an Carlsen weitergereicht. Er danke Mister Anand für seine Offenheit, windet er sich, aber von ihm werde es keine Antwort geben.

1:0 für den Weltmeister.

Anand setzt gleich nach: Man könne Fragen korrekt beantworten, ohne die ganze Wahrheit zu verraten. Will sagen: Es könnte noch mehr und gewichtigere Sekundanten geben.

2:0.

Dann wird dem Weltmeister ein Interview-Zitat seines Herausforderers vorgehalten: Anand sei jemand, der das gute Essen liebe und ziemlich faul sei. Ja, sagt Anand und freut sich, er esse wirklich gerne, aber man würde in Interviews ja alles Mögliche sagen, und es hätte nicht viel Sinn, nun jede Äußerung zu kommentieren.

3:0.

An diesen Kleinigkeiten wird etwas deutlich, was man manchmal vergisst, obwohl es ständig erwähnt wird: Anand ist doppelt so alt wie Carlsen. Er hat in Indien, auf den Philippinen, in Spanien und Deutschland gelebt, spricht etliche Sprachen und verfügt über Ressourcen jenseits des Brettes, von denen ein halbwüchsig erscheinender 22-Jähriger aus einem wohlhabenden Vorort von Oslo nur träumen kann.