Wie sehr hat die Schachwelt diesem Duell entgegengefiebert, endlich beginnt die erste Partie – und dann ist sie gleich wieder vorbei. Anderthalb Stunden nur dauert der erste Schlagabtausch zwischen dem Herausforderer Magnus Carlsen aus Norwegen und dem indischen Weltmeister Viswanathan Anand. Remis durch Zugwiederholung nach 16 Zügen. Das hat das Publikum definitiv nicht erwartet.

Noch am Tag zuvor wurde im Hyatt Regency Hotel zu Chennai darüber spekuliert, mit welchem Zug Carlsen als Weißer wohl in den Kampf geht. Zieht er den Königsbauern, 1. e4, wie es Millionen Schachspieler seit Jahrhunderten tun? Schnelle Entfaltung der Kräfte, aber auch sehr gut untersuchtes Terrain? Im Nu spitzen sich die Varianten zu, hier zählt die Vorbereitung, und Anands Vorbereitung ist legendär.

Ein Mitarbeiter aus dem Team des Inders hatte beim Abendessen im Chinarestaurant des Hotels in geselliger Runde das richtige Gespür: Carlsen könnte mit dem Königsspringer beginnen, 1. Sf3. Da hat er dann schon eine Figur draußen, ohne einen Bauern bewegt zu haben, was immer eine Festlegung bedeutet, denn die Bauern gehen nur nach vorn, nie zurück. Sie sind die Seele dieses Spiels, ihr langsamer Marsch entscheidet darüber, welche Positionen die flinken Offiziere einnehmen müssen.

Der Springerzug ist nicht so scharf; Weiß kann der Partie einen ruhigeren Verlauf geben – und Carlsen wird gefürchtet für seine Fähigkeit, aus vermeintlich harmlosen Stellungen heraus Angriffe zu inszenieren.

Der Spielsaal im Erdgeschoss des Hotels, der vor wenigen Tagen noch eine einzige Baustelle war, ist tatsächlich fertig geworden. Just in time ist in Indien kein Fremdwort. Die paar Hundert Zuschauer müssen am Eingang ihre Mobiltelefone abliefern, die von einem Schwarm farbenfroh gewandeter Garderobieren eingetütet und weggesperrt werden. Niemand im Saal soll zur Außenwelt Kontakt aufnehmen können, oder – schlimmer noch – zu den Spielern, die hinter einer schallschluckenden Glasscheibe sitzen. Rechnergestützter Betrug ist im Turnierschach letzthin zu einem großen Thema geworden. Anand und Carlsen verdächtigen einander dessen gewiss nicht, aber sicher ist sicher.  

Händeschütteln, hinsetzen, Fotos, und dann kommt Carlsens erster Zug. Es ist der Königsspringer. Anand könnte ähnlich vorsichtig erwidern, seinerseits den Springer ziehen, aber er rückt den Damenbauern zwei Felder vor und besetzt das Zentrum. Carlsen spielt seinen Königsläufer nun zur Seite, fianchettiert ihn, wie die Schachspieler sagen, und bereitet die Rochade vor, alles sehr solide und verhalten. Anand setzt keinen exotischen Aufbau dagegen, aber auch keinen ganz gewöhnlichen. Auch er fianchettiert seinen Königsläufer. Im neunten Zug öffnet er durch einen Bauerntausch das Zentrum. Die Stellung verliert ihre Symmetrie, taktische Möglichkeiten ziehen am Horizont herauf.