Schach gelernt mit acht, Großmeistertitel erspielt mit 13, Weltrangliste angeführt mit 19, Schachweltmeister geworden mit 22 – steiler hätte der Norweger Magnus Carlsen nicht Karriere machen können. Nun ist er der unumstrittene König der Schachwelt. Was wird man von ihm erwarten können? "I don't know", sagt er mehr als einmal am Freitag, "ich weiß es nicht."

Seine Regentschaft beginnt mit einer Taufe. Bei Mondschein und nächtlichen 27 Grad im südindischen Chennai fliegt er hinter dem Wettkampfhotel in den Swimming Pool. Nicht im Badeanzug. Im Anzug. "Yeeeeeesssss!", ruft er aus, als er klitschnass im Wasser steht.

So überliefern es jedenfalls die Kollegen der norwegischen Medien, denn Carlsens Sponsoren haben es irgendwie vergessen, Nichtnorweger zur Siegesfeier einzuladen. Es gibt laute Musik und Fleisch vom Grill und geistige Getränke, aber wo sind die Inder vom unermüdlichen Organisationskomitee? Die Journalisten aus allen möglichen Ländern stehen ratlos in der Lobby herum und betrachten die Party durch die Fenster. Wollen die Norweger an diesem historischen Abend unter sich bleiben? Um 19.45 Uhr Chennaier Zeit endete die zehnte Partie der Schachweltmeisterschaft mit einem Kampfremis nach 65 Zügen. Damit hatte Magnus Carlsen die nötigen 6,5 Punkte des auf 12 Partien angesetzten Duells beisammen. Drei Partien konnte er gewinnen, die fünfte, sechste und neunte.

Sein Gegner, Viswanathan Anand, Weltmeister seit 2007, kommt nur auf 3,5 Punkte. Er konnte nicht eine Partie für sich entscheiden. Wegen seines großen Rückstands endete die WM vorzeitig. Die letzten beiden Partien müssen nicht mehr gespielt werden. Es ist ein harter Abgang für einen der erfolgreichsten Spieler aller Zeiten, der phasenweise auch im Schnellschach und Blitzschach die Konkurrenz dominierte.

Anand war der erste Großmeister Indiens überhaupt, inzwischen spielen Millionen seiner Landsleute Schach, und an den Schulen seiner Heimatstadt Chennai, wie im gesamten Bundesstaat Tamil Nadu, steht es sogar auf dem Lehrplan.

Magnus Carlsen hatte in Chennai anfangs unsicher gewirkt. Die indischen Gastgeber lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab; er fühlte sich in dem ihm fremden Land bald wohl, wie er am Tag seines Triumphes noch einmal betonte.

Nachdem er in der vierten Runde auch auf dem Schachbrett in Fahrt kam, war er nicht mehr zu stoppen. Immer machte er Druck. Gewonnen aber hat er durch verblüffend grobe Fehler seines Gegners, der die volle Konzentration über vier, fünf Stunden hinweg nicht halten konnte.

Anand gratulierte dem 21 Jahre jüngeren Sieger vor den Kameras und Mikrophonen der Weltpresse, dann schlich er davon und überließ das Podium seinem Nachfolger.

Beginnt eine neue Ära im Schach? In Norwegen auf jeden Fall. Das erste Programm des norwegischen Fernsehens NRK hat alle Partien in Echtzeit übertragen, einmalig in der Fernsehgeschichte. Den NRK-Reporter Ole Rolfsrud erinnern die mehrstündigen Schachsendungen an die Liveübertragungen von Fährschiffen, auf denen fest installierte Kameras die vorbeigleitende Küste zeigen. "Die Norweger mögen Slow TV", sagt er. "Und sie lassen sich auch gern überraschen." Für den Samstag plant das Osloer Boulevardblatt VG neun Seiten über Carlsen.

Aber auch in Indien und weltweit hat diese WM große Aufmerksamkeit gefunden. Was Indien angeht, liegt es an Anand und am Austragungsort, was den Rest der Welt betrifft, an Carlsen. Eine Frage, die sein Management bald beschäftigen wird, ist die globale Markenführung. Carlsen muss mehr werden als ein Norweger, von denen es nur fünf Millionen gibt. Carlsen muss sich die Welt erschließen. So gesehen ist seine Siegesfeier ein Schlag ins Wasser.

Ulrich Stock berichtete für ZEIT ONLINE über die Schach-WM aus Chennai. Und jeweils donnerstags in der gedruckten Ausgabe der ZEIT.