Es gibt zwei Mekkas, eines in Saudi-Arabien und ein anderes, Sie kommen nie darauf, in Israel. Das in Saudi-Arabien ist für muslimische Pilger, das in Israel für Journalisten. In diesem kleinen Teil der Welt gibt es mehr Journalisten als Katzen. Und glauben Sie mir, auf diesem Planeten gibt es nirgendwo so viele Katzen wie in Israel. Im Klartext, damit Sie sich ein Bild machen können: Israel ist größtenteils von Katzen und Journalisten bewohnt. Man sieht sie, wohin man auch geht, und meistens versperren sie einander den Weg.

Dieser Umstand macht Israel natürlich zum idealen Ort, um Journalismus zu studieren. Hier lässt sich das journalistische Handwerk in Reinform beobachten.

Ich bin in Nazareth, einer Stadt innerhalb von Israels sogenannter Grüner Linie, womit die Grenze vor 1967 gemeint ist. Hier gibt es keine UNO, keine Streitigkeiten, keine israelische Armee. Es gibt keine Siedler. Oder, um genau zu sein: keine Juden. Ein Jude, der hier ein Haus kaufen will, kann das gleich wieder vergessen, weil niemand an ihn verkaufen wird. Das heißt aber nicht, dass ein Jude hier keine Geschäfte machen kann. Wenn ein Jude eine tolle Idee hat, an der die Bewohner von Nazareth mitverdienen können, hören sie sich das gerne an.

Und auf genau so eine Idee kam eines Tages ein Jude: den Jesus-Trail. Wie viele andere jüdische Erfindungen auch, ist diese ein wenig kompliziert, aber kurz gesagt geht es um einen 65 Kilometer langen Jesus-Christus-Wanderweg, für den man mehrere Tage braucht. Welchen Weg man genau nimmt, spielt keine Rolle, und der jüdische Geschäftsmann glaubt selbst nicht an Jesus, aber um dabei zu sein, muss man 1.000 Dollar oder so bezahlen. Die Leute mögen es heutzutage, wenn Sport mit ein bisschen Spiritualität kombiniert wird, deshalb hat sie der Jesus-Trail sofort überzeugt.

Perfekt. Und die arabische Bevölkerung Nazareths hat dem Juden erlaubt, in ihrer Stadt Geschäfte zu machen.

Und schon sind die Journalisten da. Vor mir sitzt im Empfangsbereich eines örtlichen Hotels ein Mann, der größer als Jesus und schwerer als Gott sein muss. Er sei britischer Journalist, erzählt er, und in der Stadt, um einen Sonderbericht über den Jesus-Trail zu schreiben. Ich sehe ihn mir genau an: Er steht aus seinem Sessel auf und geht fünf Schritte zum Kuchenbuffet, was mit beträchtlicher Anstrengung verbunden zu sein scheint, denn sofort bilden sich Schweißtropfen in seinem Gesicht. Ich sage nichts.

Er nimmt sich Kuchen und kommt langsam und noch mehr schwitzend zum Sessel zurück. Sollte dieser Mann auch nur vom Jesus-Trail träumen? Es wäre ein noch größeres Wunder als die Wiederauferstehung Jesu, wenn er es auch nur bis zum Start des Trails schaffen würde, ganz zu schweigen davon, dass er den kompletten Weg schafft.

Drei Minuten mitlaufen

Ich sehe ihn eindringlich an, und meine Zunge, diese schlecht erzogene Kreatur, spricht ganz automatisch zu ihm: Meinen Sie das ernst? Wollen Sie wirklich den Jesus-Trail mitlaufen? Sie werden nach nicht mal 15 Minuten tot umfallen!

Er setzt sein Tony-Blair-Lächeln auf und sagt: Wissen Sie, ich werde den Start mitmachen.

Dieser Mann plant, nicht länger als drei Minuten mitzulaufen, um dann einen mächtigen, mehrseitigen Artikel über den Jesus-Trail zu verfassen.

Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt habe, sammle ich mich und überdenke das Ganze.