Dieser Text ist Ausgangspunkt für das fünfte Philosophische Armdrücken mit Gunter Gebauer. In der Sportdebatte von ZEIT ONLINE geht es diesmal um die Frage: "Geht es im Fußball um Gerechtigkeit?" Der Autor wird am Dienstag, den 26. November, im Berliner Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE die Reaktionen auf seinen Text diskutieren und gegen Theo Zwanziger antreten, der für die Gegenposition steht. Der Eintritt ist frei, Anmeldung per E-Mail an anmeldung [at] zeit.de.

Das Wembley-Tor gehört zur deutschen Nationalgeschichte wie das Brandenburger Tor. In unserer Geschichtsschreibung war es kein Tor, England ist in der deutschen Sicht 1966 zu Unrecht Weltmeister geworden. In dieser Bundesliga-Saison gab es schon fünf ähnliche Situationen, fünf ähnliche Gelegenheiten, darüber nachzusinnen, wann ein Tor ein Tor ist und sein darf oder muss: Der Ball muss die Torlinie "vollständig überschritten" haben – eine Formulierung wie geschaffen für juristische Interpretationen. Um das Unrecht aus dem Fußball zu bannen, fordern viele technische Hilfsmittel wie den Videobeweis. Würde das Spiel dadurch gerechter?

Deutschland verzeiht das zu Unrecht gegebene Tor von Wembley nie. Bei uns feiert man den "verdienten Sieg", man spricht von einem "gerechten Unentschieden" und "ausgleichender Gerechtigkeit". Fernsehmoderatoren korrigieren den offiziellen Spielstand aus eigener Macht, wenn die eingeblendete elektronische Linie ein Abseits erkennen lässt, das der Schiedsrichter nicht gesehen hat ("Eigentlich steht es 1:1, das 2:1 war ein Abseitstor"). Sie erfinden eine Parallelwelt der Eigentlichkeit, in der es gerecht zugeht.

Fußball vernichtet Leistungen

Doch im real existierenden Fußball gilt nicht Hegel, sondern der Spruch eines anderen deutschen Denkers: "Fußball is aufm Platz."
Woher haben wir unsere Gerechtigkeitsvorstellungen, wenn nicht aus dem Sport? Der englische Philosoph John Rawls fundiert seine bedeutende Gerechtigkeitstheorie auf Fairness. Gerecht ist der Sport dadurch, dass der Bessere gewinnt. Bei einem Wettlauf ist das eine klare Sache. Wer ist im Fußball der Bessere? Die bessere Mannschaft ist diejenige, die mehr Tore als der Gegner geschossen hat. 

Wie ist es aber mit all den unverdienten Siegen, die das elementarste Gerechtigkeitsgefühl verletzen? War es gerecht, dass Chelsea in der letztjährigen Champions League mit einer einzigen Aktion im Rückspiel Barcelona aus dem Turnier geworfen und mit ähnlich minimalistischen Mitteln auch das Finale gegen den FC Bayern gewonnen hat? Das Tor von Borussia Dortmund gegen Malaga eine Saison später, als drei Dortmunder Spieler in der Nachspielzeit abseits standen, hätte auf keinen Fall gewertet werden dürfen. Über diese grobe Ungerechtigkeit hat man aus Deutschland kaum Klagen gehört.  

Im Fußball kann eine Mannschaft mit einem einzigen gelungenen Angriff gegen einen Gegner gewinnen, der mit einem berauschenden Spiel ohne Tor bleibt: Kein Spiel produziert so viel Pech wie der Fußball – er vernichtet Leistungen, die in jedem anderen Spiel für die Erzielung von Toren oder Punkten allemal ausgereicht hätten.