Reue? Wieso Reue? Nicolas Anelka verteidigte sich am Sonntag via Twitter. Er verstehe die Aufregung nicht, die Leute sollten doch den Medien nicht alles glauben. Und wie zum Beweis schickte er auch noch ein Foto des US-Präsidenten Barack Obama, das diesen ebenfalls bei der Geste zeigen soll, für die Anelka nun so kritisiert wird. Bloß, dass Obama ganz deutlich etwas anderes zeigt. Jedenfalls nicht diese Geste, die von einigen als umgekehrter Hitlergruß gesehen wird.

Nicolas Anelka ist ein Fußballer, der schon öfter für kleine oder große Skandale gut war. Am Samstag hatte er beim Spiel seines Klubs West Bromwich Albion gegen West Ham United den umstrittenen "Quenelle-Gruß" gezeigt, bei dem man eine Hand auf den ausgestreckten Arm legt. Der englische Fußballverband FA erwägt eine Anklage gegen den Stürmer.

Vor allem in seinem Heimatland sorgte Anelkas Geste für Aufregung und heizte die gesellschaftliche Debatte um den umstrittenen Gruß weiter an. Über die Geste wird in Frankreich seit Monaten diskutiert. Dabei reichen die Interpretationen des Grußes von "gegen das Establishment gerichtet" bis hin zu "antisemitisch". Zuletzt waren zwei französische Soldaten wegen der Arm- und Handbewegung bestraft worden.

Anelka verteidigt sich

Frankreichs Sportministerin Valerie Fourneyron sprach via Twitter von einer "schockierenden Provokation", der Europäische Jüdische Kongress (CJE) verurteilte die Aktion aufs Schärfste. Die Geste sei ein wenig bekannter Nazi-Gruß, sagte der CJE-Präsident Moshe Kantor. "Für solchen Rassismus darf es im Sport keinen Platz geben." Bromwichs Interimstrainer Keith Downing erklärte nach dem Spiel, Spekulationen über einen antisemitischen Hintergrund der Aktion seien "Müll". Und stand damit ziemlich alleine. "Ekelhaft", titelte etwa der Sunday Telegraph.

Anelka verteidigte sich. Es sei doch bloß ein Gruß an einen Freund gewesen, einen Komiker namens Dieudonné. Eine Ausrede, die die Geschichte nicht besser macht. Der ehemals linke Komiker afrikanischer Herkunft gilt mittlerweile in Frankreich als eine neue Symbolfigur der extremen Rechten und wurde bereits mehrmals wegen antisemitischer Äußerungen verurteilt. Erst vor wenigen Tagen hatte er einem jüdischen Radiomoderator die Gaskammer angedroht.

Dieudonné wird für die Verbreitung der Geste in Frankreich verantwortlich gemacht. Er soll sie von einem harmlosen "Du kannst mich mal" zu einem rassistischen Symbol gemacht haben. Das französische Innenministerium erklärte am Freitag, dass es prüfe, wie es weitere Auftritte Dieudonnés verhindern könne. Auch vor diesem Hintergrund ist der Auftritt Anelkas mehr als fragwürdig, zumal im Internet weitere Fotos von Anelka mit dem "Quenelle-Gruß" kursieren.

Dieudonné meldete sich am Sonntag zu Wort. Er gratulierte Anelka, der 2004 zum Islam konvertierte und privat den Namen Bilal Abdul Salam trägt, zu dessen Geste – und verwies erneut darauf, dass diese nicht antisemitisch sei. Dem widersprach allerdings der Rechtsextremismus-Experte Jean-Yves Camus in der Zeitung Libération: "Die Geste ist ein Identifizierungscode und gewinnt unter jungen Menschen immer größere Popularität. Allerdings ist nicht sicher, ob jeder um die Bedeutung weiß", sagte Camus. Die Anhängerschaft Dieudonnés, so der Wissenschaftler, sei vielschichtig und gegen das System gerichtet. Die gemeinsame Basis bilde allerdings der Antisemitismus. Auch Frankreichs Innenminister Manuel Valls bezeichnete die Geste als "klar antisemitisch".

Dass Fußballer sich mit politischen Fingerzeigen um Kopf und Kragen grüßen, ist kein neues Phänomen. Auch Liverpools Abwehrspieler Mamadou Sakho hatte sich vor einigen Wochen mit dem Komiker Dieudonné und in umstrittener Pose fotografieren lassen. Allerdings distanzierte er sich im Gegensatz zu Anelka wenig später davon und erklärte, er sei "hereingelegt worden".

Erst kurz vor Weihnachten war der kroatische Nationalspieler und ehemalige Bundesligaprofi Josip Šimunić vom Weltverband Fifa wegen eines faschistischen Grußes für zehn Spiele gesperrt und von der WM im kommenden Jahr in Brasilien ausgeschlossen worden.