Das Timing hatte nicht ganz gepasst. Eigentlich, so kündigte er es über sein Spielzeug Twitter an, wollte Boris Becker bereits am vergangenen Samstagabend bei "Wetten, dass...?" mit viel Tamtam eine große Neuigkeit verkünden. Doch dann erklärte er der Nation bloß lapidar: "Die Twitter-Hand geht mir manchmal durch."

Der Deal mit Novak Đoković war am Samstag also offenbar noch nicht perfekt, und so musste sich Becker statt mit der großen Bühne gestern mit einer nüchternen Pressemitteilung begnügen – der Knalleffekt blieb jedoch der gleiche.

Denn zuletzt hatte der 46-Jährige hierzulande durch die privaten Schlammschlachten um seine zweite Biografie und ein paar peinliche Auftritte seinen Ruf als Tennis-Legende ordentlich ramponiert. Zu Đoković waren die jüngsten Entwicklungen wohl nicht durchgedrungen oder sie kümmern den Serben einfach nicht. Der Weltranglistenzweite holte Becker für die neue Saison als Chefcoach in sein Trainerteam und betonte in seiner Mitteilung: "Ich bin total begeistert, die Möglichkeit zu haben, mit Boris zu arbeiten. Er ist eine wahre Legende."

In England ist Becker noch wer

Đokovićs Ansinnen ist klar, die Gerüchte waberten schon seit einiger Zeit durch die Szene. Der sechsmalige Grand-Slam-Sieger wollte eine Veränderung, hatte er in diesem Jahr gegen Rafael Nadal doch viel zu oft das Nachsehen gehabt. Mal hieß es, Đoković wolle sich von seinem langjährigen Coach Marian Vajda trennen – nun behält er ihn, degradiert ihn aber neben Becker quasi zum Assistenztrainer.

"Boris bringt frische Impulse", teilte Đoković mit. Und um nicht mehr, aber auch nicht weniger geht es für ihn bei dieser Zusammenarbeit: Becker wird den 26-Jährigen bei den zwölf wichtigsten Turnieren 2014 betreuen, das sind etwa 20 Wochen der elfmonatigen Saison.

Viel mehr Zeit kann Becker neben seinen anderen Verpflichtungen auch gar nicht erübrigen. Die lukrativen Kommentatoren-Jobs, besonders jener bei der BBC in Wimbledon, zählen zu seinen wichtigsten Einnahmequellen. Denn selbst die Autohäuser des Entrepreneurs, wie er sich selbst gerne nennt, sollen längst nicht mehr so gut laufen. Und auch manche Sponsorenverträge wurden nicht verlängert, wie der mit Pokerstars, die inzwischen mit Nadal werben.

Doch des Geldes wegen übernahm Becker den Trainerposten sicher nicht. Ihm geht es stets um die Würdigung seiner Person, die Wertschätzung seiner sportlichen Erfolge. Und die fühlt er im Ausland stärker als in der Heimat, dort wird er weiterhin als dreimaliger Wimbledonchampion, als ehemalige Nummer eins, als zweifacher Davis-Cup-Sieger bejubelt. Besonders in England lachen sie über seine Witzeleien, halten ihn für selbstironisch und schlicht großartig. Dort ist Becker noch wer.