ZEIT ONLINE: Herr Seyler, sind Sie in einer Eckkneipe groß geworden oder wie wird man Dartspieler?

Tomas Seyler: Mein Vater hat Dart gespielt. Als ich neun Jahre alt war, kam er mit einem glänzenden Pokal nach Hause. So einen wollte ich auch haben. Wir hatten zu Hause eine Dartboardanlage, da habe ich mich dann ausprobiert. Am Anfang war das noch schwierig. Ich war so klein, jemand musste mir die Darts aus dem Board ziehen, nachdem ich geworfen hatte.

ZEIT ONLINE: Sie standen lieber im Hobbykeller als auf dem Fußballplatz?

Seyler: Ich habe auch Fußball gespielt. Ich hatte aber mal einen Beinbruch, wodurch eines meiner Beine drei Zentimeter kürzer wurde als das andere. Ich durfte drei Jahre nicht einmal Schulsport machen und musste auf Krücken laufen. Die 2,37 Meter zum Dartboard konnte ich humpeln. Ich habe gespielt, bis das Blut kam. Und als ich irgendwann wieder hätte Fußball spielen können, hatte ich keinen Bock mehr, mir bei Wind und Wetter draußen den Arsch abzufrieren.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie Ihren Vater das erste Mal besiegt?

Seyler: Mit 13. Danach hatte er keine Chance mehr.

ZEIT ONLINE: Das alles hat Sie immerhin bis zu einer WM gebracht. Am heutigen Donnerstag treten Sie in der ersten Runde gegen Kevin Painter an. Die anderen beiden deutschen Teilnehmer, Max Hopp und Andree Welge, sind in der 1. Runde bereits ausgeschieden. Warum sind die deutschen Dartspieler so schlecht?

Seyler: Weil wir in Deutschland mit DIN-Normen groß werden. Du musst eine Ausbildung machen, bekommst einen Job und gehst arbeiten. In England spielst du halt Dart, wenn du nichts wirst. Da kannst du in jeder Woche gutes Geld verdienen. Und wenn du an einem Dreitagesturnier 20.000 Pfund gewinnst, weiß ich nicht, ob du dann für 300 Pfund im Monat eine Ausbildung machen würdest.

ZEIT ONLINE: Können Sie von Ihrem Sport leben?

Seyler: Nein, noch nicht. Ich bin jetzt 39 und spiele seit 30 Jahren. Aber ich bin hibbelig und aufgeregt, weil wir in Deutschland gerade an eine Schwelle kommen, wo wir Strukturen aufbauen können, wie sie in Holland und England schon lange existieren. Allein vor dieser WM werden 60 Stunden live im Free-TV übertragen. Das ist Wahnsinn.

ZEIT ONLINE: Was bekamen Sie als Antrittsprämie bei der WM?

Seyler: 6.000 Pfund.

ZEIT ONLINE: Und wenn Sie in die nächste Runde einziehen?

Seyler: 10.000 Pfund.

ZEIT ONLINE: Als Weltmeister?

Seyler: 250.000 Pfund. Die WM ist mit mehr als einer Million Pfund dotiert. Und die Dart-Serie, die über das ganze Jahr geht, schüttet Preisgelder in Höhe von über 7 Millionen Pfund aus.

ZEIT ONLINE: Da gibt man sich schon Mühe.

Seyler: Klar, so eine WM kann dein Leben verändern. Wenn du eine Viertelmillion gewinnst, gehst du nicht mehr von 6 bis 18 Uhr arbeiten. Dann versuchst du dich in diesem Sport festzubeißen. Du kannst deine eigenen T-Shirts verkaufen, deine eigenen Darts, du bekommst Sponsoren.

ZEIT ONLINE: Es ist ja auch ein Riesenspektakel: Einlaufmusik, halbnackte Frauen, Gegröle wie im Fußballstadion. Was ist da los?

Seyler: Das ist eine ganz andere Kultur. In England geht man nach der Arbeit eben in den Pub, trifft sich mit Freunden, Bekannten oder mit der Familie. Und da wird halt auch öfter Dart gezockt, auch um Geld. Und Sponsoren wissen das, die haben deswegen keinen Schmerz, in den Sport zu investieren. Wenn ich in Deutschland einen Bierbrauer anschreibe und frage, ob er mich sponsern will, sagt der: Da kann ich mich nicht mit identifizieren. Was für ein Quatsch! An wen verkaufen die denn ihr Bier? Bei uns heißt es immer: Kneipensport! In England ist Dart eine Riesenfete, bei der nebenbei zwei Leute Präzisionssport ausüben.

ZEIT ONLINE: Dart ist also richtiger Sport?

Seyler: Definitiv! Da brauchen wir nicht drüber reden. Es geht darum: Wer schafft es, drei Stunden lang mit drei Pfeilen mindestens 100 und mehr Punkte zu schaffen, während hinter einem dreieinhalbtausend Zuschauer randalieren, die sich selbst feiern und die dich feiern? Und du bist ganz alleine. Keine Auswechslungen, Mann gegen Mann. Diesen Fokus zu halten – also wenn das kein Sport ist, weiß ich nicht, was Sport sein soll.

ZEIT ONLINE: Wie viel trainieren Sie so?

Seyler: Das kommt darauf an. Man muss ja nebenbei auch noch arbeiten …

ZEIT ONLINE: … Entschuldigung, was arbeiten Sie?

Seyler: Ich hatte eine Kneipe.

ZEIT ONLINE: Ach.

Seyler: Ja, ich musste noch viel organisieren dabei, konnte also nicht nur Dart spielen. Zwei bis drei Stunden, mehr ist nicht drin.

ZEIT ONLINE: Und die Vollprofis?

Seyler: Die trainieren sechs bis acht Stunden am Tag.