Die beste Pointe zündet der Moderator, als er in den Boxring steigt. Er ist ein lustiger Typ, dunkelhäutig und stellt sich mit dem Namen Ivan Blackman vor.

Dann beatboxt er: "dddummddd-ddubb-ddubbbbb-dddummddd-ddubb-ddubbbbb", als wäre er ein elektronisches Schlagzeug. Er schreit auf Russisch, danach auf Englisch ins Mikro: "Männer werden kämpfen. Könige werden fallen. Am Ende der Nacht wird einer stehen!"

Wir sind in Moskau in einem Klub direkt am Puschkin-Platz. Auf der Bühne singen sonst angesagte Undergroundkünstler. Der Kreml ist nicht weit, nebenan gibt es Kentucky Fried Chicken, überteuerte Bars und McDonald's. Untendrunter, mehr als fünfzig Meter tief, rattert die U-Bahn, obendrüber thronen sechzehn Kronleuchter, die von künstlichem Nebel umweht werden. In der Mitte, direkt vor mir, ein Schachbrett, mitten im Boxring. Ich danke Gott, dass er mich hierher geführt hat.

Gleich beginnt die erste Weltmeisterschaft im Schachboxen. Ein epochales Ereignis. Ich bin so gespannt, nur Dasha kann mich ablenken.

Dascha wurde von Jägermeister hergeführt. Jägermeister zahlt sie und ihre Freundinnen Olga und Katja dafür, dass sie sich diese schwarzen Lederanzüge anziehen, die sich so eng an ihre Körper pressen, als wären sie Teil ihrer Haut. Und dafür, dass sie den ganzen Abend fröhlich lächeln, während sie Jägermeister in kleinen Gläsern verschenken und sich mit fremden Menschen fotografieren lassen.

Matt, Gong, Lärm

Ich nehme ein Glas von Dascha. Ivan Blackman beatboxt wieder und erklärt die Schachbox-Regeln für die etwa zweihundert Zuschauer. Es ist ganz leicht: Runde um Runde im Wechsel, je drei Minuten. Das Schachbrett und zwei Hocker werden nach jeder Boxeinheit in den Ring getragen. Wer K.o. geht oder Schachmatt gesetzt wird, ist kein Weltmeister.

Dascha sagt, wenn sie sonst in Moskau für Jägermeister arbeite, an Wochenenden in den Klubs, seien am Ende fast alle immer betrunken. Heute Nacht erwarte sie etwas anderes. Sie kann kein Schach spielen, hofft aber auf Intellektuelles im Boxring. Ich nicke und nehme noch ein Glas. Dann donnert Rammstein durch die Lautsprecher.

Im Mittelgewicht tritt ein Deutscher an. Sven Rooch, 25 Jahre, in Dresden in einer Boxerfamilie aufgewachsen, 76 Kilogramm, 1,86 Meter, Elo-Zahl 1800. Wenn er nicht boxt oder am Brett grübelt, lässt er sich in Berlin zum Feuerwehrmann ausbilden. Als er im weißen Bademantel um die Ecke schreitet, tönt sein Lied: "Feuer frei ... Bang Bang ... Feuer frei." Ist schöner als beim Boxen in der ARD.

Die Hymnen. Alle stehen auf. Dascha lächelt am Jägermeisterstand. Im Ring stolziert das Nummerngirl mit der großen 1 auf Zwanzigzentimeterabsätzen durch den Ring. Die Boxer setzen sich ans Schachbrett.

1. Runde: Sven, der Deutsche, zieht extrem schnell seine Bauern, den Springer gleich hinterher. Doch sein Gegner, ein Spanier, schlägt den Läufer. Dann eine Rochade. Gong. Der Spanier steht mit den schwarzen Figuren etwas besser.

2. Runde: Die Hektik des Schachbretts überträgt sich auf die Boxhandschuhe. Sven boxt schneller als Henry Maske. Und härter. Gong.

3. Runde: Die Figuren bekämpfen sich im Zentrum des Bretts. Sven verrückt seine Dame. Der Spanier passt nicht auf und verliert seinen Turm. Sven ist im Vorteil, er setzt erstmals Schach. Gong.

4. Runde: Härtere Treffer auf beiden Seiten. Gong.

5. Runde: Die Köpfe der Schachspieler scheinen unter den Schlägen der Boxer zu leiden. Unnötige Fehler auf beiden Seiten. Svens Turm fliegt. Der Spanier setzt ihn Schach. Er befreit sich und setzt selbst Schach. Fehler über Fehler. Sven holt sich die weiße Dame. Großer Vorteil. Gong.

6. Runde: Der Deutsche setzt einen Leberhaken. Der Spanier geht kurz auf die Knie. Steht wieder. Gong.

7. Runde: Sven peitscht einen Bauern nach vorne. Setzt den Spanier wieder Schach. Dann ist der Bauer durch und verwandelt sich in eine zweite Dame für den Deutschen. Wieder Schach. Noch zwei Züge. Schach Matt. Gong. Lärm.