Reporter on Ice - ZEIT ONLINE-Sportreporter Kersten Augustin übt Eistanzen Vor den Olympischen Spielen in Sotschi probieren wir Wintersportarten selbst aus. Diesmal: Eistanzen mit Olympiateilnehmerin Tanja Kolbe.

Aus den Lautsprechern läuft all der Kitsch, den die internationale Popmusik in den letzten vierzig Jahren hervorgebracht hat. Phil Collins singt You and me in Paradise, als mir Tanja Kolbe ihre Hand entgegenstreckt. "Hab' keine Angst", sagt sie und führt mich aufs Eis. Ich denke an Wolfgang Petry. Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?

Es macht keinen Sinn: Ein Mensch, der nicht laufen kann, würde auch nicht zum Ballett gehen. Ich kann nicht Schlittschuhlaufen – und versuche mich im Eistanzen, hier, im Sportforum Berlin, einem Olympiastützpunkt. Hier, wo es kalt ist und nach Fuß riecht, wo Deutschlands eisige Elite trainiert. Wo kleine Kinder über das Eis springen und tanzen, als seien sie mit Kufen auf die Welt gekommen.

Tanja Kolbe läuft immerhin seit ihrem vierten Lebensjahr. In ein paar Tagen fliegt die 23-jährige Berlinerin nach Sotschi. Gemeinsam mit ihrem Partner Stefano Caruso ist sie Deutsche Vizemeisterin im Eistanzen. So heißt eine der vier Disziplinen des Eiskunstlaufs, bei der es eher um Tanztechnik als um gewagte Sprünge geht.

Ich kralle mich an ihr fest und wackle mit dem Hintern

Mir will sie nun die ersten Schritte beibringen, weshalb ich besonders viel Zeit damit verbracht habe, mir die Schlittschuhe zuzubinden. Ein weiterer Trick: Bevor ich aufs Eis muss, versuche ich, das Gespräch noch etwas in die Länge zu ziehen. Kolbe erzählt mir von ihrer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele.

Im Winter trainiert sie fünf Stunden am Tag, im Sommer acht. Wenn ihre Freundinnen am Badesee liegen, dreht sie ihre Runden auf dem Eis. Dann erzählt die zierliche Frau von ihren Verletzungen: "Auf meinen Beinen habe ich ein paar Narben", sagt sie und beschreibt, wie sich bei einem Sturz ihr Schlittschuh in den Oberschenkel bohrte und das Blut auf die Eisbahn tropfte. Ich summe: Oh, think twice…

Mit weichen Knien drehe ich an Tanja Kolbes Hand eine ganze Runde auf dem Eis. Es geht. Ich werde selbstsicher. "Nimm mich mit nach Sotschi!", rufe ich Kolbes Trainer zu, als wir an ihm vorbeigleiten. Der hält mich zwar für ein vielversprechendes Talent, glaubt aber, dass ich zu spät entdeckt wurde. "Die Jungs, die hier anfangen, haben noch keinen Bartwuchs", ruft er zurück.

Als ersten Schritt üben wir die Limone. Dabei sollen die Füße Schlangenlinien auf dem Eis fahren. Ich kralle mich an meiner Lehrerin fest und wackle mit dem Hintern. Bei ihr sieht das elegant aus, ich bewege mich in meinen klobigen Eishockeyschuhen wie ein betrunkener Elefant.

Worauf kommt es an beim Eistanz? Kolbe erzählt von komplizierten Schritten, von Kanten, Twizzles und Gegen-Dreiern. Eine Jury bewertet anschließend die Technik und die künstlerische Umsetzung, also die Dramaturgie des Tanzes. "Das ist ein sehr subjektiver Sport", sagt Kolbe. Häufig versteht sie nicht, wie die Jury zu ihrem Urteil kommt.