Kann man einen Dinosaurier modernisieren? Und wie lange braucht man? Zehn Stunden, vielleicht zwölf, veranschlagt der Tagungsleiter. Rund 7.000 Menschen sind auf die Mitgliederversammlung des Hamburger Sportvereins ins Congress Center am Bahnhof Dammtor gekommen. Vereinsrekord. Aus vielen Ecken Deutschlands sind sie angereist, manche gar aus dem Ausland. Zwölf Stunden Sitzung – die Masse nimmt diese Information ohne Murren hin.

Das HSV-Mitglied weiß: Demokratie dauert, Demokratie strengt an. Um nichts weniger als Demokratie geht es an diesem Tag, das ist nicht zu überhören. Müsste man einen Korn trinken, immer wenn das Wort fällt, würde man dieses Drinking Game keine zwei Stunden überleben. Einmal zitiert ein Redner gar Theodor Heuß: "Demokratie ist nie bequem."

Zu viel davon gilt aber auch als hinderlich, im Fußball sowieso. Weil sie das inzwischen glauben oder wissen, treffen die HSV-Mitglieder am Sonntag einen wegweisenden Entschluss: Sie wollen die Demokratie in ihren Verein abschaffen, zu einem beträchtlichen Teil zumindest.

Mit rund achtzig Prozent stimmen sie dem radikalsten von fünf Reformprojekten zu: "HSVPlus". Der ehemalige Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff hat es entworfen. Es sieht vor, die Profifußballabteilung aus dem Verein auszugliedern und in eine Aktiengesellschaft zu wandeln, die 24,9 Prozent ihrer Anteile verkaufen darf. Genau besagt das Votum: Der Vorstand, der "HSVPlus" unterstützt, soll bis Juni ein Konzept entwerfen. Dann wird erneut abgestimmt. Die Aussicht, die dann nötige Dreiviertelmehrheit zu erreichen, ist nach dem deutlichen Wahlergebnis groß.

Für den HSV wäre das ein großer Schritt, für den deutschen Fußball ein kleiner. Der HSV ist einer von sechs Klubs, der noch als Verein geführt wird, der seine Profis nicht längst ausgegliedert hat. Er gilt als antiquiertes Modell, doch der HSV ist anders. Er ist der Traditionsverein von Uwe Seeler und Ernst Happel, der einzige Klub, der seit einundfünzig Jahren der Bundesliga angehört, also immer. Der Stolz der Mitglieder beruht darauf, Verein zu sein. Mitbestimmung gehört zur DNA des Dinos. Jetzt könnte er zur Dino AG werden.

Die Vorbehalte sind auch an diesem historischen Tag zu spüren. "Wir wollen kein Hoffenheim werden, kein Red Bull, kein Chelsea, kein 1860", sagt ein Redner mit erhobenem Zeigefinger. Er wolle den HSV nicht in den Händen von Scheichs und Oligarchen sehen. An solchen Warnungen vor dem Verlust an Identität mangelt es bei den vielen Wortbeiträgen der Mitglieder nicht.

Viele, vor allem aus dem Kreis der Supporters, der größten Fanorganisation des Klubs, fürchten, dass der HSV seine Werte an Investoren verschachert. An einen wie den Hamburger Milliardär Klaus-Michael Kühne. Er hat dem HSV bereits Geld geliehen. Im Gegenzug kommentiert er regelmäßig die Vereinspolitik. Den Sportvorstand Oliver Kreuzer qualifizierte er als "Drittligamanager" ab, empfahl stattdessen Felix Magath. Schon den Transfer des Altstars Rafael van der Vaart hat Kühne nicht nur finanziert, sondern eher diktiert, obwohl er keinen Posten beim HSV hat.

Die Angst vor dem Verkauf ist ein Grund, warum es unter den HSV-Mitgliedern in der Vergangenheit große Gegenwehr gegen die Ausgliederung gab. 2005 scheiterte der damalige Vereinsboss Bernd Hoffmann mit seinem Plan an der Basis. Nun findet nahezu derselbe Plan große Zustimmung. Woher diese freiwillige Selbstbeschneidung, dieser radikale Wandel?

Beruht er auf Einsicht? Zum Teil. Viele HSVer haben gemerkt, dass ihr demokratisch gewählter großer Aufsichtsrat so demokratisch wie geschwätzig ist. Immer wieder landeten in der Vergangenheit Interna in der Presse. Kompetenz in wirtschaftlichen oder sportlichen Belangen schreibt die Basis dem Organ weniger zu. Im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzt die Deutschland-AG, die Vorstände von Volkswagen, Audi, Telekom oder Adidas. Im Aufsichtsrat des HSV sitzen ausschließlich Lokalgrößen. Im vorigen Jahr legte ein Kandidat während seiner Rede einen kleinen Striptease hin, unter seinem Hemd kam ein HSV-Trikot zum Vorschein. Er sagte: "Ich bin Ali Eghbal, das ist besser als Ali Elfmeter." Ali Eghbal wurde gewählt.

Vor allem liegt die neue Distanz zur Mitbestimmung aber am Tabellenplatz. Bis vor wenigen Jahren spielte der HSV dauerhaft im Europapokal. Heute kämpft er – erneut – gegen den Abstieg. Mehr als die Hälfte der Spiele der Vorrunde verlor die Elf. Mannschaften wie Mainz und Augsburg haben den HSV längst überholt, bald vielleicht auch wieder Freiburg.

Wie sehr die Basis die Schnauze voll hat von Niederlagen, belegen Szenen der Versammlung. Es geht manchmal zu wie im Stadion. Man hört Buhrufe, Pöbeleien, Pfiffe, rhythmisches Klatschen. Als das Wahlergebnis bekannt wird, schwillt der Lärmpegel an wie in der Nordkurve beim Siegtor in der 90. Minute. Spricht der Aufsichtsratschef Manfred Ertel, rufen Mitglieder "Aufhören!" oder "Ertel raus!". Ein Mann in einem Retro-Trikot springt auf und ereifert sich: "Ertel, Du, Du, Du … Du Kaviar-Sozialist!"  

Moderne Struktur ist nicht gleich moderner Fußball

Im vom Zigarettenrauch verqualmten Nebenraum müssen einmal die Ordner eingreifen. Auch als zwei Anträge auf Zulassung von Briefwahlen jeweils ganz knapp an der Dreiviertelmehrheit scheitern, kommt es zu Tumulten – und weil dieses Ergebnis die Chancen auf "HSVPlus" schmälern dürfte, zu Schlachtgesängen der Supporters.

Einen anderen emotionalen Höhepunkt erlebt die Versammlung, als der Reformer Rieckhoff seine "vier 83er" vorstellt, die Europapokalsieger von vor gut drei Jahrzehnten: Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Thomas von Heesen und Holger Hieronymus. Sie zählen zu Rieckhoffs Unterstützern. Der Glaube an die Eignung von Exprofis für höhere Aufgaben hält sich im Fußballmilieu trotz fragwürdigen Erfahrungen. Als die vier auf Rieckhoffs Bitte aufstehen, leuchten die Augen der HSVer. Sie springen auf, applaudieren lange, skandieren. Später werden sie sich Autogramme holen. Seit dem großen Sieg 1983 gab's nicht mehr viel zu feiern für den HSV-Fan.

Im Congress Center wird deutlich: Die Hamburger Fußballdemokratie ist eine lebendige, aber spezielle. Viele reden des Redens willen. Fragen stellen die Redner, fast alle männlich, so gut wie nie. Den lautesten Beifall erhält ein Fan im weißen Jeanshemd, der schnell und plattdeutsch nuschelt. Während er redet, übertönt ihn das Plenum mehrfach mit Jubel. Es spielt keine Rolle, man versteht ihn ohnehin nicht. Vereinsmeierei, Demokratiemeierei, Mitbestimmungsfolklore der "Rautenschwestern und Rautenbrüder".

Die grenzen die Mitglieder nun selbst ein. In der Hoffnung auf kleinere Gremien, kürzere Wege, schnellere und bessere Entscheidungen. Vor allem wird "HSVPlus" mehr Geld zu dem hochverschuldeten Verein fließen lassen. Rieckhoff spricht von 100 Millionen Euro, die ein Viertel HSV wert sein soll. Und wer weiß, vielleicht wird Kühne diesen Wucherpreis sogar zahlen.

Doch ein paar Fragen bleiben unbeantwortet. Hamburg hat bereits jetzt einen teureren Kader als Augsburg und Mainz, selbst als der Tabellendritte Mönchengladbach. "Geld schießt Tore", sagt Christian Reichert, der Exvorstand, dessen behutsames Reformprojekt nicht die nötige Mehrheit findet. "Warum schießt Geld in Hamburg keine Tore?" Und wie lange hätte der HSV etwas von dem Geld? Nicht lange, sagt Reichert. "'HSVPlus' sättigt so sehr wie ein Big Mac, nach einer Stunden hat man wieder Hunger."

Damit ist er bei dem womöglich entscheidenden Punkt. Der HSV könnte bald eine moderne Struktur haben. Dass er dann auch modernen Fußball spielt, ist nicht gesagt. Auch Eintracht Frankfurt gliederte zur Jahrhundertwende seine Profis aus und stieg seitdem drei Mal ab.

"Zum Erfolg braucht man einen starken Vorstand, einen starken Trainer, einen starken Sportdirektor", flüstert ein langjähriges Vereinsmitglied, der an der Wand lehnt und das Geschehen aus der Distanz beobachtet. "Was haben wir?" Und Peter Krohn, HSV-Präsident in den 1970ern, sagt: "Endlose Diskussionen über falsche Strukturen bringen nichts. Es geht nicht um Strukturen. Es geht um die Männer, die etwas tun."