Die berühmtesten sportlichen Seitenwechsler waren keine. Jamaikas Bobmannschaft, die 1988 in Calgary den Eiskanal hinunterschlitterte, bestand keineswegs aus ehemaligen Leichtathleten oder Seifenkistenpiloten. So haben es sich bloß die Drehbuchschreiber für den Film Cool Runnings ausgedacht. Im echten Leben handelte es sich um vier Soldaten der jamaikanischen Armee. Etwas zu unromantisch für die Welt von Walt Disney.

Dass Bobfahren im Film anderswo erfolglose Sportler einsammelt, ist jedoch realistisch. Im Bob sitzen viele Athleten, die etwas anderes gelernt haben. Ob Kugelstoßer, Sprinter oder Rennrodler – wer nicht aufpasst, landet im Bob. Damit setzt sich das Bobfahren an die Spitze eines Phänomens: Sportler wechseln von einem auf den anderen Tag ihre Sportart. Weil die alte sie langweilt, ihre Leistung stagniert oder es in der neuen Disziplin mehr zu verdienen gibt.

Eine der Umschülerinnen ist Evi Sachenbacher-Stehle. Zwei olympische Goldmedaillen hatte die Skilangläuferin schon gewonnen, als sie irgendwann keine Lust mehr darauf hatte, stupide durch schneebedeckte Wälder zu skaten. Sie nahm sich einen Winter frei und probierte zufällig, wie es heißt, mit einem Biathlon-Gewehr zu schießen. Es klappte. Evi Sachenbacher-Stehle sattelte um und schaffte trotz zwischenzeitlicher Rückschläge die Qualifikation für die Spiele von Sotschi. Magdalena Neuner, die berühmteste, wenn auch pensionierte Biathletin des Landes, traut ihr sogar eine Medaille zu.

Oder Lisa Zimmermann. Sie lebte für das Eiskunstlaufen, trainierte sechsmal die Woche am Olympiastützpunkt München, ehe sie mit 14 Jahren zum ersten Mal Ski fuhr. Drei Jahre später ist sie die deutsche Freestyle-Hoffung für Sotschi. Erst recht, nachdem sie als erste Frau der Welt einen Double Cork 1260 stand, ein Sprung mit doppelter Überkopf-Drehung und dreieinhalb Schrauben. Dabei, sagt sie, habe sie von ihrer Eislaufvergangenheit profitiert. Die vermittele ein Gefühl fürs Drehen und die Geschwindigkeit.

Doch funktioniert das so einfach? Was ist mit der berühmt gewordenen Regel, dass es 10.000 Stunden Übung in einer Sache brauche, um darin zur Weltklasse zu gehören? Egal ob es Klavierspielen, Stepptanz oder Einradfahren ist? Gibt es doch eine Abkürzung?

Ja, sagt Markus Raab, Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln, der sich mit diesem Thema beschäftigt. "In den Sportarten, in denen sich Fähigkeiten und Fertigkeiten ähneln, gibt es einen positiven Transfer", sagt er. Bei Rückschlagspielen, Ausdauersportarten und Disziplinen, in denen es um Laufgeschwindigkeit geht, sei das zu beobachten. Ein Tennisspieler würde auch einen guten Squashspieler abgeben und umgekehrt, weil sich die Bewegungsabläufe ähneln. In einem Radprofi steckt auch ein guter Marathonläufer. Und ein Anschieber auf der Bobbahn muss vor allem schnell sein.

Ausnahmen von der Stundenregel

Von Kevin Kuske heißt es, er sei auf den ersten 30 Metern schneller als Usain Bolt. So stand es mal in der Zeitung und so steht es auch auf seiner Homepage. Als 19-Jähriger holte Kuske bei der Junioren-Leichtathletik-WM Bronze mit der 4-mal-100-Meter-Staffel. Ein Jahr später ging er zum Bobfahren und gewann als Anschieber vier olympische Goldmedaillen.

Kuske musste auf der Bobbahn nicht 10.000 Stunden üben. Er kann sich die auf der Tartanbahn anrechnen. Außerdem, sagt der Sportwissenschaftler Raab, gebe es auch genügend Ausnahmen von der Stundenregel. Eine 14-jährige Turnerin könne auch mit der Hälfte der Trainingsstunden Weltklasse sein. Die Qualität des Trainings sei ebenso wichtig wie die Quantität.