ZEIT ONLINE: Herr Nitsch, was haben Sie als Leiter des Projekts Bob gedacht, als Sie die deutschen Zweierbobs der Männer und Frauen jeweils geschlagen ins Ziel fahren haben sehen?

Michael Nitsch: Ein Wort mit Sch. Da ist man erst mal platt. Das hat uns nicht gefallen.

ZEIT ONLINE: Wie konnte das passieren? So schlecht waren die Männer seit 1956 nicht mehr.

Nitsch: Da bin ich jetzt vorsichtig. Das werden wir mit unserem Partner, dem Bob- und Schlittenverband, ausgiebig diskutieren. Es gibt drei leistungsbestimmende Komponenten: Start, Fahrleistung und Gerät. Fakt ist für uns: Die Bobs haben ein Problem.

ZEIT ONLINE: Welches Problem?

Nitsch: Das wissen wir noch nicht. Es gibt bei einem Bob im wahrsten Sinne des Wortes sehr viele Stellschrauben. Da kann man viel falsch machen. Sachen wie Aerodynamik kann man gut überblicken, da stelle ich mich in den Windkanal und fertig. Das Fahrwerk oder die Kufen kann man nicht so einfach innerhalb von ein, zwei Tagen analysieren.

ZEIT ONLINE: Es gab Kritik von dem Bundestrainer und den Piloten. Kevin Kuske sagte, er sei mit einem Trabi unterwegs. Waren Sie überrascht von der heftigen Kritik?

Nitsch: Das würde ich ungern in der Öffentlichkeit klären. Sportler sind nach einem Wettkampf sehr emotional, reden dann gerne mal locker von der Leber weg. Dass Sandra Kiriasis in ihrem letzten Rennen der Karriere unmittelbar danach nicht die Zeiten durchrechnet, ist verständlich. Auch wir sind mit der Leistungsfähigkeit der Geräte nicht zufrieden. Insofern wundert es mich nicht, dass die Athleten genauso empfinden.

ZEIT ONLINE: Es heißt, der neue Bob sei zu spät fertig geworden. Haben Sie sich verplant?

Nitsch: Nein. Es ist mein vierter Olympiazyklus, der Auslieferungstermin war der gleiche wie 2002, 2006 und 2010.

ZEIT ONLINE: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Sportlern ab?

Nitsch: Wir setzen uns am Ende jeder abgelaufenen Olympiade zusammen: Was war gut? Was war schlecht? Wo wollen wir Schwerpunkte legen? Ich habe von Kommunikationsproblemen gelesen, das würde ich überhaupt nicht unterschreiben. Wir tauschen uns sehr intensiv aus. Die Sportler gehören an den Tisch. Zu Beginn der nächsten Saison testen wir. Auch Sportler, die sich jetzt kritisch äußern, haben mitgetestet. Thomas Florschütz zum Beispiel hat seinen alten gegen den neuen Bob mehrfach getestet. Da ist ein Sportler ungeheuer sensibel, der guckt nicht nur auf die Zeit, sondern hört auf seinen Hintern und seinen Bauch und entscheidet sich dann. Der neue Bob war schneller als der alte. Deshalb haben sich alle für den Neuen entschieden. Es wurde keiner gezwungen, unseren neuen Bob zu fahren.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch mit den Schlitten der Rodler zu tun, mit denen es gut geklappt hat. Es gab vier Mal Gold. Wieso klappt es dort und beim Bob nicht?

Nitsch: Es ist auch eine Frage der Konkurrenz. Im Bobsport bilden sich gerade hochkarätige Gegner heraus. Die Italiener mit Ferrari, die Engländer mit McLaren, die Amerikaner mit BMW.

ZEIT ONLINE: BMW baut den USA-Bob? Das ist Konkurrenz im eigenen Land.

Nitsch: BMW Nordamerika. Aber wir haben keine Angst vor Konkurrenz, die macht es spannend. Man will ja keine Deppen schlagen. Aber es wird immer schwieriger, vorne zu sein.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von dem Wort Materialdoping?

Nitsch: Für mich ist der Begriff unzutreffend. Doping heißt, ich bewege mich außerhalb der Regeln. Das machen wir nicht.

ZEIT ONLINE: Aber sie verschaffen einen Vorteil, den andere nicht haben.

Nitsch: Wir haben gute Bahnen, gute Trainer, man hat nie die gleichen Voraussetzungen. Auch körperlich. Als Langstreckenläufer sage ich auch nicht: Mensch, die doofen Kenianer. Einen völligen Grad von Fairness kann man nicht herstellen. Außerdem haben wir diesen angeblichen Vorteil ja gerade nicht. Dieser technische Wettkampf gehört zum Sport.