Heimspiele können tückisch sein. Die einen befeuert ein frenetisches, patriotisches Publikum. Für andere ist der Enthusiasmus ein Weichmacher für die Knie. Und die Menge im Iceberg Skating Palace ist beinahe so furchteinflößend laut wie die Südtribüne bei Borussia Dortmund: Schlachtrufe, Tröten, sogar eine große Trommel zum Einpeitschen hat den Weg in die Arena der Eiskunstläufer gefunden, um den "Rossija, Rossija"-Rufen die nötige Wucht zu verleihen. Das ist die einzige Hoffnung, die Aljona Savchenko und Robin Szolkowy noch haben: Dass ihre schärfsten Konkurrenten unter dieser wuchtigen Zuneigung einknicken.

Denn Tatjana Wolossoschar und Maxim Trankow sollen Historisches vollbringen: Nicht nur als erstes Kunstlaufpaar seit 78 Jahr wieder ein olympisches Heimspiel gewinnen, sondern auch die Schmach tilgen, dass es nach zwölf russischen Goldmedaillen in Serie bis 2006 bei den Spielen von Vancouver kein russisches Paar auf das Treppchen geschafft hatte. Und neben dem Sieg im Eishockey, der vom russischen Team erwartet wird, ist Gold im Paarlauf das zweite große Muss im Gastgeberland der Olympischen Spiele. Vielleicht ist dieser Eisberg an Erwartungen ja zu groß.

Aber die Hoffnung, an die sich die Deutschen klammern, trügt an diesem Abend. Ohnehin liegen sie schon nach dem Kurzprogramm nahezu aussichtslos zurück. Eine Weltrekord-Punktzahl hatte das russische Paar eingeheimst. Aufzuholen ist ein solcher Vorsprung mit eigenen Mitteln nicht mehr, da muss man schon auf einen Sturz der Überflieger hoffen, vielleicht sogar mehrere Ausrutscher. Ihre Musik soll das patriotische Publikum milde stimmen: Tschaikowski, Nussknacker. Auch die Auslosung hat es gut gemeint mit den Deutschen, als letztes Paar dürfen die beiden aufs Eis, sie wissen also, was gefragt ist. Aber an diesem Abend wird aus dem Vor- der entscheidende Nachteil.

Denn bis in den Bauch des Stadions hört man, wie das Publikum schon beim ersten der beiden russischen Paare, Xenia Stolbowa und Fedor Klimow, aus dem Häuschen gerät. Fehlerfrei laufen die beiden, die selbst nur im Scherz daran glaubten, den Deutschen noch einmal gefährlich werden zu können. Nun ist ihnen alles gelungen, und plötzlich ist es für die Deutschen nicht nur nach oben verdammt weit, sondern auch von unten macht jemand Druck. Als die überlegen Führenden auch noch einen nahezu makellosen Auftritt hinbekommen, Tatjana Wolossoschar sich nur für einen Moment auf dem Eis abstützen muss, ist Gold weg. Und Silber in Gefahr. Nun sind es die deutschen Knie, die weich werden.

Stürze in den entscheidenden Momenten

Schon in Vancouver war Robin Szolkowy im entscheidenden Moment gestürzt. Und nun, bei der vielleicht letzten Chance seines Lebens auf Gold, muss er gleich bei der Kombination von zwei dreifachen Toeloops aufs Eis. Als zuletzt auch Aljona Savchenko das Paradeelement der beiden, den dreifachen Wurf-Axel, nicht stehen kann, wiederholt sich das Drama von 2010: Am Ende wird es wieder Bronze – nur Bronze. "Wenn wir fehlerfrei bleiben und wenn am Ende der Wurf-Axel klappt, ist uns Gold nicht zu nehmen", hatte ihr Trainer Ingo Steuer vor dem Wettkampf noch gesagt. Zu viele Wenns in einem Satz. Nun gilt eine andere unumstößliche Wahrheit dieses Sports: Wer fällt, verliert.

"Das ist Eiskunstlaufen, willkommen in unserer Welt", sagt Robin Szolkowy lapidar auf der Pressekonferenz der Medaillengewinner, während seine Partnerin verheult neben ihm sitzt. "Ich weiß nicht, was los war, das Einlaufen funktionierte gut, wir hatten keine wackligen Beine." Nicht mal ein unfaires Publikum oder eine anrüchige Wertung können die Deutschen beklagen: Aufrichtig werden sie vom russischen Publikum beklatscht – was leicht fällt, wenn man beim Heimspiel doppelt gewinnt. Aber es redet auch niemand mehr über ein neues Skategate, über Absprachen zwischen russischen und amerikanischen Preisrichtern, von denen gerüchteweise in der französischen Zeitung L’Equipe die Rede war. Zu deutlich ist am Ende der Klassenunterschied; die russischen Nerven sind diesmal aus Stahl.

Wie geht es nun weiter mit dem deutschen Traumpaar des letzten Jahrzehnts? Da muss selbst Robin Szolkowy, der sich tapfer allen Fragen gestellt hat, länger schweigen. "Drei Jahre haben wir uns auf diesen Moment vorbereitet – und eine Menge verloren. Wir sind zwei Schritte weg vom Gold, das ist viel. Nun brauchen wir erst einmal Zeit, um uns selbst wiederzufinden."

Manchmal können Auswärtsspiele auch im Eiskunstlauf verdammt bitter sein.