Wettbewerb - Mit Tröten und Muscheln klingen wie ein Hirsch Bei der Deutschen Meisterschaft im Hirschrufen zeigen Jäger und Förster, wie gut sie das Wild imitieren können.

Eine halbe Stunde vor seinem Auftritt sitzt Christian Hieke an einem Holztisch und nimmt einen tiefen Schluck. Das Bier beruhigt ihn ein wenig. Bevor er gleich auf die Bühne tritt, um bei der Deutschen Meisterschaft im Hirschrufen zu debütieren, wird er noch eine Zigarette rauchen. Nicht nur wegen der Aufregung, sondern auch, weil das gut für den Klang seiner Stimme ist.

Es ist die 16. Meisterschaft dieser Art, die traditionell auf der Messe Jagd & Hund in den Dortmunder Westfalenhallen ausgetragen wird. 18 Kandidaten nehmen teil, sie kommen aus Cuxhaven, dem Harz oder dem Schwarzwald. Die meisten von ihnen sind gestandene Männer, ihre Kluft lässt sie leicht als Jäger oder Förster identifizieren. Doch Christian ist mit seinen 24 Jahren nicht der Einzige, der auffällt: Ein Kandidat hat seinen zehnjährigen Sohn dabei, der außerhalb der Konkurrenz antritt. Und auch eine Frau wird es mit den Platzhirschen aufnehmen.

Für sie alle gilt es, verschiedene Rufe in zunächst zwei Disziplinen zu imitieren. Die besten Neun kommen ins Finale, wo eine weitere Aufgabe ansteht. Drei Juroren stehen in Einzelkabinen und hinter einer hölzernen Sichtblende, um die Darbietungen mit je bis zu sechs Punkten zu honorieren. Die ersten Drei werden Ende Februar nach Salzburg reisen, um Deutschland als eine von 14 Nationen bei der Europameisterschaft zu vertreten.

Zur Not taugt auch ein Abflussrohr

Die Instrumente der Kandidaten sind vielfältig: Ausgehöhlte Ochsenhörner und handballgroße Muscheln baumeln um ihre Hälse oder ruhen in ihren Händen. "Zur Not würde auch eine Gießkanne, ein Abflussrohr oder der Karton einer Küchenrolle taugen, also jeder Klangkörper, der die Luftröhre verlängert", sagt Christian. Er tritt aber dann doch lieber mit dem sogenannten Eifelruf an, einem Instrument für Profis, das ihm sein Großvater überlassen hat.

Durch ihn und seinen Vater ist Christian schon als Kind in der Eifel mit dem Jäger- und Förstermilieu vertraut gewesen. Das Arbeiten und Leben im Wald sei für ihn seitdem Traum und Berufung, sagt er. Deshalb studiert er Forstwissenschaften in Göttingen. Europas größte Jagdmesse in Dortmund besucht er bereits zum sechsten Mal, aber erst im vergangenen Jahr hat er die Hirschruf-Meisterschaft besonders beobachtet und sich schließlich zugetraut, dort gut abzuschneiden. Viele Bekannte hätten ihn zusätzlich ermutigt, darunter auch sein Kumpel und Kommilitone Adrian, der ihn heute begleitet. 

Als kleiner Junge versuchte Christian das erste Mal, einen Hirsch zu imitieren. Als er vor Jahren mit dem intensiven Training begann, ließ es sich anfangs kaum länger als zwei Minuten aushalten, sagt er. Sein Hals habe damals schlimm gekratzt, Hustenanfall habe auf Hustenanfall gefolgt. Später konnte er das Training auf über eine halbe Stunde ausdehnen. In den vergangenen vier Wochen habe er die meiste Zeit in Göttingen geübt, zum Glück in einer schallisolierten Wohnung. Dennoch seien die Nachbarn vorbeigekommen, um sich wegen der komischen Geräusche zu erkundigen.

Die vielen Facetten der Rufjagd

Doch wozu das alles? Das Hirschrufen dient nicht nur der Jagd: Durch das bloße Anlocken der Tiere kann ein Förster den Rotwild-Bestand beobachten, mustern, seine Gesundheit überprüfen, sagt Christian. Viele würden es zudem einfach aus Spaß an der Freude betreiben. Er selbst kennt das aus eigener Erfahrung: Seit drei Jahren fahndet er in der Brunftzeit gemeinsam mit Adrian nach Hirschen. Mit Wurst- und Käsestullen, Pfefferminztee und Zigaretten ausgerüstet, brechen sie dann warm gekleidet um fünf Uhr morgens auf. Meistens haben sie schon tags zuvor den perfekten Platz gesucht, dort Stühle postiert und ein Tarnnetz angebracht oder einen Hochsitz anvisiert. Manchmal haben sie auch vor Ort übernachtet. Christian lockt die Hirsche an, Adrian fotografiert sie, auch wenn sie dafür stundenlang ausharren müssen. Wenn Christians Ruf erhört wurde und der testosterongeladene Hirsch aus dem Forst geschossen kommt, sind sie glücklich und gespannt. "Das sind sehr stimmungsvolle Momente, im absoluten Einklang mit der Natur", sagt er.