ZEIT ONLINE: Frau Khanova, haben Sie schon ein wenig Wintersport geschaut?

Irina Khanova: Nein, früher ja, heute nicht mehr. Weil ich weiß, auf wessen Kosten Sotschi entstanden ist: die des Volks. Keiner der normalen Leute profitiert von Sotschi. Viele wurden aus ihren Wohnungen vertrieben, die Arbeiter bekamen Hungerlöhne. Die Olympischen Spiele sind wie Sankt Petersburg. Auch das sieht teilweise wunderbar aus, aber wurde auf Knochen errichtet.

 

ZEIT ONLINE: Das berichten viele westliche Medien. Und werden von vielen dafür kritisiert, einseitig zu sein.

Khanova: Die Kritik im Westen ist einseitig, aber auf eine andere Art. Es geht vor allem um das Anti-Homosexuellen-Gesetz. Aber es gibt noch viel mehr Menschenrechtsverletzungen. Putin hat die bekanntesten Gefangenen, also Chodorkowski oder Pussy Riot, kurz vor den Olympischen Spielen freigelassen. Aber im Gefängnis sitzen noch viele Unbekannte, die friedlich auf der Straße demonstriert haben. Das blendet der Westen aus.

ZEIT ONLINE: Sie sind Feministin: Wie geht es den Frauen in Russland im Vergleich mit den Frauen in Deutschland?

Khanova: Es ist ähnlich. Die Gesellschaft ist so patriarchalisch geprägt, dass auf Frauen im Haushalt eine zweite Vollzeitstelle wartet. In den meisten Familien ist es unmöglich, diese Struktur zu durchbrechen, sie trägt Russland. Auch die Kirche spielte dabei eine große Rolle. Aber das Schlimmste ist: Darüber wird nicht diskutiert. Es ist nicht möglich, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder ohne Kinder zu leben. Da wird man verspottet. Da kommt Druck aus der Gesellschaft. Und er kommt von oben.

ZEIT ONLINE: Sind Russen Machos?

Khanova: Die meisten.

ZEIT ONLINE: Ist Putin ein Macho?

Khanova: Auf jeden Fall. Das sieht man doch daran, wie er sich inszeniert. Mal oben ohne auf dem Pferd. Mal küsst er ein Kind oder geht jagen oder streichelt Tiere. Viele Frauen finden ihn toll, er ist wie ein Popstar. Sie sehen aber nicht, was das wirklich bedeutet. Was die Russen in jedem Fall schätzen: Er hat Stabilität gebracht. Plötzlich muss niemand mehr drei Monate betteln, um sein Gehalt zu bekommen. Das ist ein Fortschritt.

ZEIT ONLINE: Kann man dann nicht verstehen, dass viele Russen sagen: Na gut, das mit den Menschenrechten haut vielleicht nicht alles hin, aber insgesamt geht es uns so gut wie noch nie. Da ist doch eine gute Entwicklung.

Khanova: Die aber ziemlich langsam ist. Putin wäre in der Lage, diese Entwicklung zu beschleunigen, indem er nicht mit seinen blöden Gesetzen stört, die er sich ausdenkt. Das Problem in Russland ist nicht, dass Homosexualität verdammt wird, sondern dass Leute, die etwas anders sind, Probleme bekommen. Du kannst ein heterosexueller Mann sein, aber einfach nur nicht so Macho-mäßig aussehen, etwa lange Haare haben. Dann wirst du schon angegriffen.