ZEIT ONLINE: Herr Schütz, Sie haben doch sicherlich das Eishockeyspiel Russland gegen die USA gesehen, oder?

Felix Schütz: Wir sind momentan im Trainingslager in Tschechien und haben das Spiel mit der ganzen Mannschaft gesehen. Ein super Spiel. Penaltyschießen ist für die Zuschauer immer sehr spannend. Zumal es ja auch etwas kurios ist, dass derselbe Spieler sechsmal hintereinander ran muss.

ZEIT ONLINE: Der Amerikaner T.J. Oshie, lief immer wieder an. Viele Leute, die nicht so oft Eishockey schauen, haben sich gewundert. Ist das üblich?

Schütz: Wenn es nach den ersten drei Schützen immer noch unentschieden steht, kann anlaufen wer will. Ich selber habe das aber auch noch nie gesehen. T.J. Oshie ist jetzt auf jeden Fall noch einen Tick berühmter geworden.

ZEIT ONLINE: Das Spiel war nur ein Gruppenspiel, es ist also noch nichts entschieden. Wie wichtig ist den Russen diese Goldmedaille im Eishockey?

Schütz: Natürlich ist da auch viel Politik dabei, Putin selber war am Samstag ja auch in der Halle. Es wurde in den vergangenen Jahren unheimlich viel Geld in Eishockey investiert. Die heimische Liga KHL wurde auf- und ausgebaut. Da wäre Gold schon ein Statement. Das würde auf die Liga ausstrahlen, weil viele russische Nationalspieler auch in der KHL spielen. Und vielleicht auch den ein oder anderen Spieler anlocken

ZEIT ONLINE: Sie spielen in der KHL für Admiral Wladiwostok. Warum eigentlich?

Schütz: Als Sportler versucht man immer die beste Liga der Welt anzupeilen. Das ist wahrscheinlich immer noch die NHL. Aber die KHL kommt da mittlerweile nahe ran. Was das Spielerische angeht, die Professionalität, die Organisation und auch die Gehälter.

ZEIT ONLINE: Wladiwostok liegt ganz im Osten des Landes. Für uns Westeuropäer fast am anderen Ende der Welt. Wie ist es dort so?

Schütz: Obwohl Japan und China nicht weit sind, ist es noch sehr russisch. Das einzig seltsame: Die meisten Autos kommen aus Korea. Die haben das Lenkrad auf der rechten Seite.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie "russisch"?

Schütz: Ich bin erst seit 16 Monaten hier und beileibe noch kein Experte. Aber was mir auffällt: Die Russen sind sehr ruhig, brauchen eine gewisse Zeit zum Auftauen. Beim Essen wird am Tisch nicht viel gesprochen. Small talk wie in den USA gibt es eher nicht. Wenn sie einen kennen, wird es besser. Und es ist ein Klischee, aber wenn Alkohol ins Spiel kommt, lernt man die Russen besser kennen.

ZEIT ONLINE: Was gefällt Ihnen an Russland?

Schütz: Vielleicht genau dieses Zurückhaltende. Normalerweise gehört es in einem Sportteam, in dem Konkurrenzkampf herrscht, dazu, dass der eine mal über den anderen lästert. Die Russen lästern nicht. Sie bilden sich nicht so schnell eine Meinung über andere Menschen, reden weniger hintenrum, hören lieber zu.

ZEIT ONLINE: Ist Politik ein Thema in einer Eishockeymannschaft?

Schütz: Ab und zu schon. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen hier Sachen so hinnehmen wie sie sind. Sie scheinen es irgendwie gewohnt zu sein, dass es irgendwo einen Boss gibt. Der Trainer. Oder eben Putin

ZEIT ONLINE: Sind die Spiele von Sotschi Segen oder Fluch?

Schütz: Ich finde sie gut. Die Welt kommt zusammen, für die Sportler ist es ein Riesenereignis. Ich freue mich jetzt schon, wenn wir als deutsche Nationalelf in vier Jahren vielleicht wieder dabei sein können. Und ich bin mir sicher, dass es auch für die Russen wichtig ist. Sie wollen zeigen, dass Russland nicht mehr das zurückgebliebene Land ist, für das es viele halten.