Drei Horrorfilme habe er in seinem Leben gesehen, sagt Dmitri Tschernyschenko, der oberste Organisator der Spiele von Sotschi. Einer davon sei Miracle von 2004 gewesen, die Disney-Version des olympischen Eishockeyfinales von 1980 in Lake Placid. Damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, schlug eine amerikanische College-Mannschaft das sowjetische Team mit 4:3, was in etwa so wahrscheinlich war, als wenn heute Eintracht Braunschweig 10:0 gegen Bayern München gewinnen würde. Elf Jahre war Tschernyschenko damals alt, er kannte alle Spieler beim Namen, "Eishockey ist für uns wie eine Religion, es liegt uns einfach im Blut".

Im nationalen Sportgedächtnis beider Nationen hat dieses Spiel seinen festen Platz, bei den Amerikanern in jenem Teil des Gehirns, der für die Selbsteuphorisierung zuständig ist, bei den Russen in der Region Trauma. Und deshalb ist das Spiel Russland gegen die USA viel mehr als ein schnödes Vorrundenspiel des olympischen Eishockeyturniers 2014. Hier wird noch einmal der Kampf der Systeme und Kulturen nachgespielt.

Natürlich sind viele der Spieler längst Kollegen in der amerikanischen National Hockey League. Auch das Schlachtfeld, der Ufo-artige Bolshoy Ice Dome, ist im Inneren eine der längst standardisierten Arenen nach amerikanischem Vorbild: Der Videowürfel unterm Hallendach als Hochaltar, Cheerleader mit ihren Püscheln auf den Gängen, eine Hammondorgel heizt wummernd das Spektakel an, die kiss cam fängt küssende Paare ein und sorgt für ein bisschen Liebe. 

Goldmedaille als nationale Pflicht

Dennoch liegt schon lange vor dem Anpfiff über dem gesamten olympischen Park eine seltsame Spannung; erstmals bei diesen Spielen hat man das Gefühl, dass die Besuchermenge in dem riesigen Areal einem besonderen Moment entgegenfiebert. Die Fans sind noch offensiver verkleidet als sonst, selbst die Sturmhauben von Kampfpiloten sind im Einsatz, und in einer Kurve der Arena wird die Sowjetfahne mit Hammer und Sichel geschwenkt.

Wladimir Putin, bekennender Eishockeyfan und eigens eingeflogen, hat seine Mannschaft vorab heiß gemacht hat: "Die Spieler sollen um jeden Puck kämpfen, sodass niemand sagen kann, sie hätten nicht alles gegeben!" Diese Goldmedaille ist nationale Pflicht, sie soll dem russischen Weltmachtanspruch sportlich Ausdruck verleihen: Wir sind wieder wer! Weil aber selbst der russische Präsident ein Gespür für die mitunter unkontrollierbare Wucht solcher Rhetorik hat, stattete er dem USA-Haus im olympischen Park noch schnell einen symbolischen Friedensbesuch ab.

Auch einer der Leidtragenden des Wunders von 1980 versucht noch zwei Stunden vor dem Anpfiff bei einem Sponsorentermin, die Brisanz der Partie herunterzuspielen: "Es ist nur ein Spiel der besten Teams der Welt", sagt Wjatscheslaw Fetissow, der legendäre Verteidiger des sowjetischen Teams. "Die letzten drei Spiele des Turniers sind viel wichtiger." Beim Miracle, das sein Drama wurde, habe er eine Lektion fürs Leben gelernt. Deshalb hat er später als russischer Sportminister 300 Eishockeyarenen im ganzen Land bauen lassen – um noch mehr, noch besseren Nachwuchs heranziehen zu können.

Die Systemfrage aber stelle sich heute nicht mehr, weder politisch noch sportlich. "Ich habe auf beiden Seiten des Ozeans gespielt. Als wir in der 'Roten Maschine' steckten, war es natürlich leichter, ganz fokussiert zu sein. Heute ist das schwieriger: Der letzte Spieler kommt 12 Stunden vor dem Auftaktmatch aus Amerika angeflogen. Da kann man nicht mehr zusammen üben, sondern nur noch die richtige Atmosphäre herstellen."