Der König ist tot, es lebe der König! Na ja, gestorben ist Jewgenij Pluschenko zum Glück nicht, nur sein Rücken will nicht mehr, kann nicht mehr. Nach 13 Operationen wird er ohnehin nur noch von vier Schrauben und einer künstlichen Bandscheibe mühsam in Form gehalten. Aber der Ausstieg des besten Eiskunstläufers der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte unmittelbar vor dem Kurzprogamm war für die Gastgebernation schon so etwas wie ein kleiner Tod. Diese Goldmedaille hätte – nach der für das russische Eishockeyteam – die wichtigste dieser Spiele werden sollen.

Nun hat Yuzuru Hanyu sie gewonnen, er ist der neue Herrscher über das 1.800 Quadratmeter große Eisreich – freilich einer mit vorerst ganz schön wackligen Beinen. Im Kurzprogramm präsentierte der erst 19-jährige Japaner Drei- und Vierfachsprünge noch mit einer federleichten Selbstverständlichkeit, als würde er zu Hause in der Küche bloß den Mixer einschalten. Seine 101,45 Punkte bedeuteten Weltrekord, das hätte auch der Fast-Invalide Pluschenko, der sich nur seiner Frau und vielleicht auch Präsident Putin zuliebe nochmal an den Start quälte, mit all seiner Ausstrahlung, Routine und dem Heimvorteil kaum erreichen können. In der Kür am Freitagabend aber hätte ein Fuchs wie Pluschenko dem jungen Gemüse vielleicht nochmal zeigen können, wie man so eine große Sache nach Hause läuft. Doch so bleibt Hanyu trotz zweier Stürze vorne und gewinnt das erste Gold für einen Japaner im Eiskunstlauf.

Vielleicht hat es den Herausforderern zu schaffen gemacht, dass sie sich nun nicht mehr aus Pluschenkos Schatten heraus angreifen konnten. Seit seiner Ankunft in Sotschi vor knapp zwei Wochen stand allein der russische Star im Rampenlicht, und eine gespannte Öffentlichkeit führte exakt Protokoll über dessen Wohl und Wehe: 14:40 Uhr: Beginn des ersten Trainings. 14:45 Uhr: erster Sprung sicher gelandet. 14.47 Uhr: dreifacher Axel. 14.50 Uhr: vierfacher Toeloop. Dann Gold mit dem Team. Am Tag der Wahrheit aber, am Ende des sechsminütigen Aufwärmens zum Kurzprogramm, ist Schluss. Selbst vier Tabletten können nicht verhindern, dass Pluschenko nach dem ersten Übungssprung "schreckliche Schmerzen im Bein" fühlt, "und nach der Landung des zweiten konnte ich meine Beine überhaupt nicht mehr spüren".

Ein Deutscher mischt vorne mit

Am Tag darauf zeigt das russische Publikum, seines Nationalhelden beraubt, dafür endlich einmal ohne große Trommel und "Rossija, Rossija"-Rufe enthusiastische Sachkenntnis (auch wenn der Sitz manches Pluschenko-Fans leer bleibt). Und – das ist vielleicht die größte Überraschung – ein Deutscher mischt ganz vorne mit im Getümmel: Peter Liebers, 25, aus Berlin.

Über Platz 6 bei einer Europameisterschaft ist er bislang nicht hinausgekommen – nun liegt er nach einer nahezu perfekten Vorstellung mit persönlicher Bestleistung zur Halbzeit des größten aller Wettkämpfe auf Rang 5. Japaner Hanyu mit seinem Weltrekord ist enteilt, auch der Kanadier Patrick Chan scheint Silber sicher zu haben. Aber Liebers fehlt nicht mal ein Punkt zum Bronzerang, auf dem der spanische Europameister Javier Fernandez liegt. Der kaum erwartete olympische Lohn für den Studenten: ein Platz in der illustren letzten Startgruppe, mitten unter den ganz tollen Jungs, zur besten Sendezeit. "Ich hab versucht, es nicht als Bürde zu nehmen, sondern es zu genießen, als Privileg", sagt er nach getaner Arbeit.

Halten kann aber auch er seinen tollen Platz nicht – wie so viele andere an diesem Abend. Gleich bei seinem Schlüsselsprung, dem vierfachen Toeloop zu Beginn, geht er  zu Boden. "In der Luft hat er sich ganz gut angefühlt, aber ein bisschen Streckung hat gefehlt." Dann beginnt, was Liebers später "einen kleinen Kampf mit mir selber" nennt: konzentriert bleiben, weitermachen, vielleicht auch ein bisschen genießen. Am Ende wird er guter Achter. Seinen Vater jedenfalls, der für die DDR bei vier Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften am Start war, hat er schon überflügelt: "Bei Olympia ist er nie gewesen."