Je mehr Polizisten oder Soldaten um mich herumstehen, desto unsicherer fühle ich mich. Paradoxerweise ist das so. Und im olympischen Teil Sotschis stehen sie überall. An jeder größeren Straßenecke, vor jedem Eingang zum Sportgelände, hinter jeder kleinen Absperrung. Für eine zehnminütige Zugfahrt muss sich jeder Gast zweimal durchleuchten, durchsuchen und abtasten lassen, mindestens, eine Wasserflasche ist nicht erlaubt. Die Beamten führen nur Befehle aus, sie sollen helfen. Dabei verbreiten sie eine Stimmung der Bedrohung, Anspannung, Unterordnung. Möglicherweise werden das die Gefühle dieser Olympischen Spiele.

Bevor ich anreiste, klang manche Kritik an Putin und "seinen" Winterspielen für mich besserwisserisch. Sie kam von Leuten, die den Russen kein Skigebiet gönnen, aber im Winterurlaub in Österreich immer nach der längsten Piste fragen. So wie die Alpen unterm Skitourismus leiden, werden auch die Abfahrten im Kaukasus keine Wohltat für die Natur sein, dachte ich. So ist das nun einmal.

Wer die Region rund um Sotschi jedoch vor dem großen Bauboom gesehen hat, etwa den Fluss, der sich vom Gebirge hinunter ins Tal schlängelte oder die Sumpfwiesen, die fast bis zum Strand reichten, der versteht die jetzt erkennbare Sünde an der Landschaft. Den Terror, vor dem Putin sein Olympia schützen will, hat er längst gegen die Natur eingesetzt.

Was soll das Ganze?

Ja, man sollte sie Putins Spiele nennen. Der russische Präsident wollte sie, und er bekam sie. Obwohl jene Menschen, auf deren Boden sie gebaut wurden, sie nicht wollten. Obwohl die subtropische Sumpfregion rund um Sotschi dafür gar nicht geeignet war. Obwohl dafür etwa 47 Milliarden Dollar ausgegeben werden mussten, von denen ein großer Teil wohl in Taschen korrupter Geschäftsleute verschwand. Und obwohl es von vorn herein eine unmögliche Idee war, in einem Sommerbadeort Wintersportanlagen zu bauen – in einer Region, die wegen ihrer politisch-ethnischen Konflikte zur gefährlichsten Europas zählt.

Es geht nicht um kaputte Fön-Halterungen in Journalisten-Hotels. Wer jetzt nach Sotschi kommt und dieses künstliche IOC-Olympia-Dorf betritt, in dem kein Baum da gewachsen ist, wo er nun steht, der kann nur verstört fragen: Was soll das Ganze? Eine verständliche Antwort gibt es nicht. Dafür wackeln Eisbären, Schneehasen und Leoparden aus Plüsch vor den TV-Kameras durch die Arenen. Maskottchen zur Erheiterung, Medaillen für den Nationalstolz. Die Olympia-Maskerade soll als Propaganda für die Regierung dienen. Eingerahmte Abbilder von Putin hängen in Sotschi neben Geldautomaten oder in Hotellobbys.

Das erinnert an 2008, als in Peking die Olympischen Sommerspiele mit einem weltweit bestaunten Tamtam eröffnet wurden. Damals zogen zeitgleich Russland und Georgien gegeneinander in den Krieg. Danach hatten die Georgier ihren Einfluss auf Abchasien und Südossetien verloren. Putin erklärte die Regionen einige Kilometer südöstlich von Sotschi für unabhängige Staaten.