Den beiden Knirpsen im Stalin-T-Shirt macht das Demonstrieren sichtlich Spaß. Aufgeregt tollen sie zwischen den Putin-Plakaten herum, schwenken ab und an eine russische Fahne, die ihnen ihre Mutter in die Hand drückt, verteilen CDs und DVDs mit Propaganda-Material der Partei der nationalen Bewegung für Freiheit. Gegen Alkoholismus, für russische Stärke, lauten die zentralen Botschaften. "Lasst uns den Ehrennamen des Helden zurückholen", steht auf den Leibchen unter dem Konterfei des Dikators.

Es ist frühlingshaft warm, als die Olympischen Spiele von Sotschi ihre erste politische Kundgebung erleben – an ihrem letzten Tag. Die Stiefmütterchen im Park des 50. Jahrestag des Sieges leuchten bereits kräftig, am Mahnmal für die Opfer von Tschernobyl hat jemand ein Blumengebinde abgestellt. Auf den Bahngleisen nebenan rattern im Zehn-Minuten-Takt die Züge Richtung Olympic Park vorbei, wo am Abend die Schlussfeier steigt.

Ursprünglich sollten Demonstrationen während der Spiele ganz verboten werden, aber nach internationalen Protesten gegen den geplanten Maulkorberlass wurde auf Geheiß von Wladimir Putin eine sogenannte "Protestzone" eingerichtet, im Niemandsland von Khosta, einer Kleinstadt auf halbem Weg zwischen Sotschi und dem Olympiagelände in Adler. Kein Schild, kein Hinweis erläutert, dass die schmale Grünanlage, eingeklemmt zwischen Bahnhof, dem Fluss Khosta und den mächtigen Betonstelzen der Schnellbahntrasse, nun ein Ort bürgerlicher Rechte ist. Selbst die Polizisten, die gelangweilt zwischen den Rabatten Streife laufen, geben sich zunächst ahnungslos: Demonstration? Heute? Um 11 Uhr? Nie von gehört.

Die Verteidiger des Vaterlandes

Der 23. Februar ist seit 1922 ein besonderer Tag. Damals ernannte Lenin ihn zum Tag der Roten Armee, weil am 23. Februar 1918 ihre ersten Soldaten rekrutiert worden waren. In der Sowjetunion Anlass zu großen Militärparaden, ist er inzwischen der Tag der Verteidiger des Vaterlandes und – vielleicht noch wichtiger – der Tag des Mannes, eine Art Vatertag auf Russisch. Am Strand von Khosta, jenseits der Bahngleise, haben die ersten Trüppchen schon den Grill aufgebaut und Bier bereitgestellt.

Um 11.20 Uhr waren sie dann aber doch gekommen, die Verteidiger des Vaterlandes, ein Dutzend Männer und die Mutter mit ihren beiden Jungs, deren Opa sich als einer der Hauptredner der Veranstaltung entpuppen wird. Ohne Eile bauen sie ihr Equipment auf, Boxen, Mikrofon, Banner in Schwarz und Orange, den traditionellen Farben des Feiertags, schließlich drei Aufsteller mit einem Porträt Wladimir Putins, der drohend den Zeigefinger hebt, darunter der Text: "Journalisten! Lügt nicht! Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen!"

Die Wahrheit der Demonstranten geht, wenn man ihre mäandernden Reden zusammenfasst, in etwa so: Russland wird vom Ausland unterdrückt. Allein Flotte und Armee schützen das Land noch. Selbst der größte innere Feind, der Alkoholismus, ist von fremden Mächten gesteuert. Stalin hat das Land starkgemacht, ehe Gorbatschow zum Ausverkäufer russischer Größe wurde. Putin als nationaler Führer wird sie wiederherstellen. Lasst uns ihm helfen, damit es ihm nicht ergeht wie Saddam Hussein. Dazu müssen wir in erster Linie einen Informationskrieg gewinnen. Unser Ziel: friedliche Stärke, nicht friedliche Schwäche. Zu den größten Feinden der Nation aber gehören die Umweltschützer, weil sie den Bau von Fabriken verhindern und dadurch Russlands Wirtschaft schwächen. Sie glauben vielleicht, sie machen die Welt besser, aber sie handeln gegen die Interessen des Landes.

Eigentlich sollte an diesem letzten Tag der Spiele in Khosta für einen der Staatsfeinde Nr. 1 demonstriert werden, für Jewgeni Witischko, Mitglied der Bewegung Ökologische Wacht am Nordkaukasus, die immer wieder die Umweltfrevel im Zuge der olympischen Bauarbeiten dokumentiert und angeprangert hat. "Sanja ist ein Dieb", hatte Witischko an den Zaun des Anwesens von Alexander "Sanja" Tkatschow geschrieben, dem Gouverneur der Region Krasnodar, zu der auch Sotschi gehört. Zu drei Jahren Haft wurde er dafür verurteilt, an diesem Montag sei er ins Straflager verlegt worden, hieß es.

Um auf dieses Schicksal aufmerksam zu machen und "Freiheit für politische Gefangene" zu fordern, hatte der Anwalt Roman Schikarew eine Demonstrationsgenehmigung beantragt – ebenfalls für den 23. Februar. Die Absage der Stadtverwaltung, die jeden Antrag mit der Polizei und dem Geheimdienst FSB abstimmt, kam prompt: Der Park sei bereits belegt, "öffentliche Veranstaltungen zur gleichen Zeit mit unterschiedlichen Zwecken und großen Teilnehmerzahlen können zu einer Bedrohung der öffentlichen Ordnung und der Sicherheit der Bürger führen".