Der Jubel der sechstausend Zuschauer in der Schaiba-Arena schien von Spiel zu Spiel lauter zu werden. Die russischen Schlittenhockeyspieler besiegten auf ihrem Weg die USA 2:1 und im Halbfinale auch Norwegen, sogar 4:0. Im Eishockey scheiterten die Russen während Olympia im Viertelfinale, der Gastgeber trauerte. Im Schlittenhockey spielen die Russen am Samstag um paralympisches Gold. "Unsere Mannschaft zeigt den wahren Charakter Russlands", sagte Trainer Sergej Samoilow. Er hatte in nur vier Jahren ein Team aufgebaut, mit Unfallopfern und Kriegsveteranen.

Russland: Die unterschätze Heldennation? Diese Dramaturgie ist dann doch zu schlicht formuliert für die ersten Weltspiele des Behindertensports auf russischem Boden. 1980, nach den Olympischen Sommerspielen in Moskau, weigerte sich die Sowjetunion noch, die Paralympics auszurichten, sie fanden im niederländischen Arnheim statt. Doch nun in Sotschi will Präsident Putin sich als menschenfreundlich präsentieren – er lässt sich das einiges kosten.


Die Mehrheit der 69 russischen Athleten kann sich auf Sport konzentrieren, einige haben ein Studium begonnen – die Kosten trägt der Staat. Für Gold erhalten sie die gleiche Prämie wie ihre olympischen Kollegen: vier Millionen Rubel, 80.000 Euro. Deutsche Sieger erhalten ein Viertel davon, auch diese Prämie ist so hoch wie nie zuvor. Russische Goldgewinner können sich auf geräumige Wohnungen freuen, Autos von deutschen Herstellern, Sonderzahlungen ihrer Heimatregionen. "Putin wollte an die Spitze des olympischen Medaillenspiegels, dafür war ihm nichts zu teuer", sagt James Ellingworth von der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti: "Von den neuen Sportstrukturen hat so nebenbei auch der Behindertensport profitiert."

Talentspäher suchten die besten Behinderten aus

Drei Millionen Versehrte waren nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion zurückgekehrt, in der Heldenpropaganda war für sie kein Platz, die Partei bevorzugte Massenspektakel mit gestählten Körpern. Erst unter Michail Gorbatschow durften behinderte Menschen 1987 im Fernsehen gezeigt werden. Die wenigen Behindertensportler hatten keine Anlaufstellen, das Paralympische Komitee wurde erst 1995 gegründet. Mit Blick auf die Olympia-Bewerbung wurden Tausende junge Menschen mit einer Behinderung von Talentspähern begutachtet, in Krankenhäusern oder Einrichtungen von Kriegsveteranen.

Schon bei den Winterspielen 2006 und 2010 gewann das russische Team die meisten Medaillen. Seither wurden die Strukturen gefestigt, der Kreis der privaten Förderer wuchs: Ein Telekommunikationsunternehmen zahlte Bildungsreisen des Schlittenhockeyteams in die USA und Kanada. Der milliardenschwere Unternehmer Michail Prochorow finanzierte eine Trainingsstätte der Biathleten, er besitzt auch das amerikanische Basketballteam Brooklyn Nets.

"In Russland wurde die zentralistische Förderstruktur zum Teil gehalten", sagt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams. Als beliebter Repräsentant der russischen Paralympier wirkt ihr Komiteechef Wladimir Lukin, einst Botschafter in Washington und nun scheidender Menschenrechtsbeauftragter der Putin-Regierung. Die entscheidenden Fäden aber hält der Sportminister Witali Mutko zusammen. Mutko ist Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, er war Präsident des Russischen Fußballverbandes. Der Behindertensport nimmt in seinem Ressort einen bescheidenen Platz ein, und doch reichen die Anstrengungen, um die Paralympier dominieren zu lassen. Im Skilanglauf der stehenden Klasse nahmen sechs Männer am Sprintfinale teil – alle sechs kamen aus Russland.

Putin ruft alle auf, die Paralympics zu verfolgen

Durch die Triumphtour der Schlittenhockeyspieler könnte aus Anteilnahme nun Begeisterung werden. Das Staatsfernsehen hatte angekündigt, auf drei Kanälen 180 Stunden von den Paralympics zu zeigen. Putin hatte zur besten Sendezeit verkündet: "Ich rufe alle auf, die Paralympics in den Medien zu verfolgen. Alle Russen sollten die unendlichen Möglichkeiten unserer Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten wahrnehmen." Zudem ließ er Wachstumsbotschaften verbreiten: In 26 Regionen sollen Sportschulen für behinderte Jugendliche erweitert werden, 1.400 Fachkräfte sollen speziell ausgebildet werden. Es sind Bausteine eines landesweiten Programms, das für 3,6 Milliarden Euro Strukturen und Bildung für Menschen mit Behinderung verbessern soll.