Wenn man mit der S-Bahn fährt und die Stimme nicht mehr "Nächster Halt: Jungfernstieg" sagt, sondern "Große Gepäckstücke dürfen jederzeit durchsucht werden", weiß man, dass man Hamburg verlassen hat und in New York City gelandet ist.

Der 11. September ist viele Jahre her, aber Amerika weigert sich zu vergessen. Dieses Land bereitet sich unentwegt auf die nächste Twin-Towers-Katastrophe vor, und die NSA verfolgt fleißig jedes Telefonat mit, nur für den Fall, dass einer von uns eine spektakuläre Selbstmordmission geplant haben könnte.

Während ich den Moment auskoste, zurück in New York zu sein, kommt mir ein Gedanke: Ich müsste die Al-Qaida-Besessenheit der amerikanischen Regierung zu meinem Vorteil nutzen. Es ist eine Tatsache, das wird Ihnen jeder bestätigen, dass die NSA pausenlos meine E-Mails, Telefonate und Kontakte überwacht, immer auf der Hut, falls ich etwas in die Luft jagen wollte. Eine geheime Quelle hat mir verraten, dass die Leute von der NSA sogar mehr über mich wissen, als ich selbst über mich weiß, weil sie meine Bewegungen rund um die Uhr verfolgen – das tue ich nie. Es gibt Dinge über mich, die ich natürlich vergesse, aber sie nicht. Sollte ich das nicht für mich nutzen? Zum Beispiel könnte ich die amerikanische Regierung mit den wichtigsten Informationen über mich versorgen, die sie dann für mich weiterverarbeiten. Und welche Informationen? Naja: mein Gewicht, mein Essverhalten und wie oft ich trainiere.

Was mir das bringen würde, ist klar: Wenn ich meine Fitnessziele nicht erreichen sollte, würden sie mich darauf aufmerksam machen. Wie wir alle wissen, sorgt sich die US-Regierung nicht nur um den nächsten Bombenanschlag, sondern versucht auch auf kreative Weise, die Gesundheitskosten zu senken. An den meisten Orten verbieten sie mir bereits das Rauchen, weil sie wollen, dass ich gesund bleibe. Deshalb könnte es eine gute Idee sein, die US-Gesundheitspolizei auf ein paar andere meiner schlechten Angewohnheiten aufmerksam zu machen. Ich bin sicher, dass ich so kein einziges Pfund mehr zunehmen werde. Vielleicht wird sich sogar Michelle Obama, die sich bekanntermaßen Sorgen um die immer dicker werdenden Amerikaner macht, mit mir beschäftigen. Sie braucht eine Beschäftigung, oder nicht? Ich könnte das Objekt ihrer Begeisterung und Fürsorge sein. Wieso denn nicht? Wenn ich zu trainieren vergesse oder zu viele fettige Sachen esse, wird sie sofort eingreifen. "Tuvia", wird sie mir schreiben, "mir ist aufgefallen, dass du heute anderthalb Stücke Käsekuchen gegessen hast. Ich bitte dich eindringlich, um der Gesundheit und Freiheit Amerikas willen: Geh raus und jogge zehn Stunden lang!"

Glauben Sie mir, wenn sie sich mit mir beschäftigt, hat sie größere Erfolgsaussichten als Barack bei den Iranern und den Türken, bei Assad und Wladimir.

Absolut.

Alles, was ich tun muss, ist, eine Gesundheits-App auf mein iPhone zu laden, so eine, die mein Gewicht und meinen Schlaf überwacht. Alles weitere übernimmt Michelle.

Ja. Eine Schlafüberwachungs-App. Ich finde es gut, wenn die NSA über meine Schlafzeiten und -gewohnheiten Bescheid weiß; das könnte mir als Alibi dienen, wenn in New York tatsächlich etwas in die Luft gehen sollte.

Ohne Zeit zu verlieren eile ich zum Apple Store in der 42nd Street und sehe mir das Fitbit-Armband an, das, wenn man es mit der Fitbit-App koppelt, jeden meiner Schritte und jede Minute meines Schlafes aufzeichnet.

Es kostet coole 100 Dollar und sieht richtig schick aus.

Perfekt.

Ich kaufe es sofort und laufe zurück in mein Büro, wobei ich einem Geschwader schwarzgekleideter New Yorker Polizisten ausweiche, die mit riesigen Hunden und hochentwickelten Sturmgewehren durch die Straßen von New York laufen. Im Büro lese ich die Anleitung des Fitbit-Armbandes. Ich soll es aufladen, steht da, bis fünf Lämpchen aufleuchten.

Ich lade es auf, stundenlang, aber kein Lämpchen leuchtet auf, von fünf Lämpchen ganz zu schweigen. 

Es muss sich um eine Verschwörung iranischer Diplomaten gegen mich handeln.

Natürlich gibt ein Mann wie ich nicht so schnell auf, wenn er Michelle als persönliche Gesundheitsberaterin gewinnen will.

Ich kontaktiere einen ausländischen Spion, der mir zur Verwendung von Noom rät, einer kostenlosen Gesundheits-App, für die man kein Armband braucht; nur das iPhone.

Ich lade die App herunter.

Noom sieht richtig cool aus und kann, so behauptet es, messen, wie weit ich laufe. Noom hat keine Schlaffunktion – man kann nicht alles gratis bekommen –, aber wenigstens zählt es meine Schritte.

Ich laufe ungefähr eine Stunde lang durch die Eiseskälte – schließlich stecken wir mitten in der globalen Erwärmung –, und anschließend sehe ich nach, wie weit ich gelaufen bin und wie viele Schritte ich gemacht habe.

Das Programm sagt: "Null Bewegung."

Null Bewegung? Ich bin gerade weiter gelaufen als der Sicherheitsrat jemals, und dann heißt es "Null Bewegung"?