Man sah auch bei diesem Titelgewinn im Berliner Olympiastadion manch übliche Bilder. Thomas Müller stand mit der Flüstertüte vor der Kurve und schrie den Fans die Humba vor. "Gebt mir ein H!" Die Bayernmannschaft hüpfte eine Polonaise über die Tartanbahn. Die Spieler trugen Shirts mit dem Aufdruck 24, der Zahl der Meisterschaften des Clubs. Aus der Kabine sendeten sie ein Jubelfoto über Twitter an die Welt. So wie große Jungs eben feiern, wenn sie was gewonnen haben.

Doch diese Meisterfeier war auch leicht unterkühlt, wie die Berliner Märztemperaturen. Das Stadioninnere war nach einer Viertelstunde leer, es flog niemand in die Luft, keiner verfolgte irgendjemanden, nicht mal eine Bierdusche gab's. So spielfreudig sich die Bayern in diesem Jahr auf dem Rasen gaben, so verhalten sind ihre Gefühle danach. Der Sieg in Berlin war kein Triumph, es war der Vollzug einer Meisterschaft.

Wen wundert's? Die Bayern waren lange auf den Moment vorbereitet. "Wir wussten seit einiger Zeit, dass wir Meister werden", sagte Manuel Neuer nach dem Spiel und blickte gelassen auf eine Traube von Journalisten herab. Im Hintergrund federte Arjen Robben an der Presse vorbei, so wie er es zuvor auf dem Feld mit seinen Gegenspielern getan hatte. Xherdan Shaqiri gab ein Interview mit den Händen in den Hosen, allenfalls leicht lächelnd.

Zuvor malten die Bayern ein Sinnbild dieser Saison. Es war ein Spiel, aber kein Duell. Philipp Lahm spielte 134 Pässe, alle kamen beim Mitspieler an. Insbesondere in der ersten Halbzeit näherte sich die Münchner Ballbesitzquote dem üblichen Wahlergebnis Uli Hoeneß'. Die Bayern ließen Hertha einfach nicht ran. Wie ein Herrchen seinem Hund ein Würstchen hinhält, aber immer ein wenig zu hoch. Und als der Hund Hertha sprang, zogen die Herrchen aus Bayern das Würstchen etwas höher.

Fußball ist so schön, weil man vorher nicht weiß, wie es ausgeht. Diese Regel gilt in Deutschland nicht mehr uneingeschränkt. Vor dem Anpfiff spielten die Journalisten 6 aus 90, das Bayernlotto: In welchen Minuten schießen die Bayern ihre sechs Tore? Wann die Tore fallen, nicht ob, ist das einzig Spannende der meisten Bayern-Spiele in der Bundesliga.

Kurioserweise wurden es nur drei. Das 1:3 klingt viel knapper, als die Machtverhältnisse auf dem Feld waren. Mit dem 0:1 in der sechsten Minute war das Spiel praktisch entschieden. Der Torjubel der Roten sah wie immer aus. Die Bayern fanden wieder mal keinen Gegner.

Das war am Verhalten der Gastgeber abzulesen. Die Hertha-Fans waren offenbar nicht mit der Hoffnung auf einen Sieg erschienen. Nur kurz vor Beginn und kurz nach Ende hörte man Schmähgesänge auf die Bayern. Stattdessen verdienten sie sich mit dauerfröhlichem Gesang Partypunkte. Unmut über die Chancenlosigkeit ihrer Mannschaft war nie zu spüren. Der Trainer Jos Luhukay riss auf der Pressekonferenz die Augen auf, fasste sich an den Kopf, hob die Stimme und sagte: "Oh, ich dachte nach dem 0:2, hoffentlich kein Schützenfest!" Er wirkte nicht wie ein Verlierer. Kapitulation ist vielleicht nicht die einzige, aber die sinnvollste Strategie gegen die Superbayern. 

Wären da nicht die vielen Tausend Bayernfans gewesen, man hätte nichts gemerkt von einem besonderen Moment. Beim 3:1 durch Franck Ribéry, das gut zehn Minuten vor Ende die letzten Zweifel tilgte, stimmten sie ein großes "Deutscher Meister wird nur der FCB!" an. Nach dem Abpfiff riefen sie nach ihren Stars. Sie wedelten mit Meisterschalen aus Pappe, forderten Trikots. In ihrem Block roch es nach Bier und ein bisschen nach Marihuana, das sie sich am Nachmittag zuvor am Görli in Kreuzberg besorgt hatten.