So ratlos hat man Manuel Neuer lange nicht gesehen. Noch 15 Minuten sind zu spielen. Neuer hält den Ball in den Händen. Wendet sich nach rechts. Findet keinen freien Mitspieler. Wendet sich nach links. Findet keinen freien Mitspieler. Stockt. Wirft dann den Ball weit nach vorne an die Mittellinie auf Bastian Schweinsteiger, doch der ist gedeckt, der Ball ist sofort wieder weg.

Es ist eine typische Szene dieses Testspiels, in dem Deutschland Chile 1:0 besiegt. Ein gutes Ergebnis, den WM-Teilnehmer Chile halten viele Experten für eins der stärkeren Teams. Doch die Chilenen sind den Deutschen phasenweise extrem überlegen. So überlegen, dass man sich fragt: Wie können sie dieses Spiel nicht gewinnen? So überlegen, dass man sich fragt: Sind das tatsächlich die deutschen Spieler, die im Juni als Favorit zur WM nach Brasilien fahren sollen?

Oder: Sind das tatsächlich dieselben Bayern, die unbestätigten Rechnungen zufolge seit siebzehneinhalb Jahren ungeschlagen sind? Von ihnen stehen sechs auf dem Feld. Doch Philipp Lahm misslingen Zuspiele der Schwierigkeitsstufe eins, Toni Kroos lässt sich den Ball abnehmen wie ein träumendes Kind. Bastian Schweinsteiger wird getunnelt, passt unbedrängt zur Eckfahne und Jérôme Boateng schmeißt einen Einwurf ins Niemandsland. Manuel Neuer knäult den Ball immer wieder in die Cannstätter Wolken. Nur der Torschütze Mario Götze ist im Guardiola-Modus.

Für Klose könnte die WM zu spät kommen

Es sind Szenen, wie man sie von ihnen in ihren Bayern-Trikots nicht mehr kennt. Gegen die Bayern kommen die meisten Gegner kaum mehr über die Mittellinie, das beliebteste Mittel gegen sie ist die Kapitulation. Bis nach Chile hat sich das wohl noch nicht rumgesprochen. Der Gast aus Südamerika nervt die Deutschen mit Aggressivität und höchster Balltechnik. Wie Moskitos surren sie auf die Deutschen zu, die famosen Alexis Sánchez, Arturo Vidal und Eduardo Vargas. Immer wieder finden sie den Weg in den Strafraum. Das "Olé, olé!" der vielen chilenischen Fans hallt mit großer Berechtigung durch das Stadion.

Im neuen schwarz-roten, zweitligaesk gestreiften DFB-Dress sehen die Bayernchamps an diesem Tag wie gewöhnliche Fußballer aus, wie fehlbare Menschen. Manchen, der die Bayern-Dominanz satt hat, mag dies erleichtern. Und auch wenn manch Profi Testspiele in dieser Phase der Bundesliga und der Champions League nicht immer ernst nimmt – für die Deutschlandfans ist es kein gutes Zeichen, dass halbe Bayern gar keine Bayern sind.

Offenbar sind sie es nicht mehr gewohnt, mit Außenverteidigern wie Marcell Jansen oder Marcel Schmelzer zu spielen, die Ungestümheit mit Dynamik verwechseln. Oder mit dem formschwachen Mesut Özil, der Tiki Taka derzeit nur verschleppt. Oder mit Miroslav Klose, der die Befürchtung nicht zerstreuen kann, dass er zu al … nein, sagen wir, dass die WM zu spät stattfinden könnte.