Platinis Alleingang in Kasachstan

Am heutigen Donnerstag las man zwei Pressemitteilungen zur jüngsten fußballpolitischen Entscheidung. In der von der Uefa spricht Wolfgang Niersbach von einem "großen Schritt". Vom DFB wird sein Präsident zum selben Sachverhalt mit "Bedenken" zitiert. Man könnte glauben, es gibt zwei Niersbachs.

Es geht um die Entscheidung der Uefa, einen neuen Wettbewerb für Nationalmannschaften einzuführen: die Nations League. Ab 2019 soll in allen ungeraden Jahren, in den WM- und EM-freien Jahren also, ein Sieger ermittelt werden. Die Endrunde soll im Frühjahr oder Sommer stattfinden. Ist doch prima, könnte man meinen, eine Chance mehr für den deutschen Fußball, endlich einen Titel zu gewinnen.

Doch im deutschen Fußball regt sich offene Kritik an der Uefa. "Insbesondere in der Endphase der nationalen und internationalen Clubwettbewerbe sind Vereinen und Spielern zusätzliche Belastungen nicht zumutbar", sagt Reinhard Rauball. Der DFL-Präsident verweist auf den ohnehin dichten Terminkalender.

Die Uefa hat zwar noch nicht bekannt gegeben, wie und wann das alles ablaufen soll. Aber zweifellos bedeutet dies: noch mehr Spiele. Braucht man das?, fragt sich mancher in der Liga. Selbst der DFB-Manager Oliver Bierhoff warnt, man dürfe "die Schraube nicht überdrehen".

Es ist ein klassischer Konflikt zwischen Verband und Verein. Uefa und Fifa auf der einen Seite wollen mehr Meisterschaften, damit sie wichtiger werden und mehr Geld verdienen. Dazu brauchen sie Spieler, ohne die geht nichts. Doch Spieler werden auch von Vereinen gebraucht, vor allem werden sie von Vereinen bezahlt. Das ist die andere Seite, sie sagt: Die Uefa will ein Taxiunternehmen gründen, aber die Wagen holt sie bei uns.

Wolfgang Niersbach ist inmitten dessen in einem Konflikt, denn der DFB-Präsident gilt als loyal zu Platini und zu den Vereinen. Wie unterschiedlich die Interessen von Verbänden und Vereinen sein können, sieht man auch an anderen Beispielen: Seit zwei Jahren trägt die Uefa das Champions-League-Finale an einem Samstag aus. Wegen eines einzigen Spiels muss der Rest zuschauen – an einem Wochenende im Mai, wenn Fußball am schönsten ist. Auch das DFB-Pokalfinale findet an einem Samstag statt. Viele Vereinsleute können das nicht verstehen, unter der Woche halten sie für besser.

Einbezogen werden die Vereine vor solchen Entscheidungen selten. Die Zahl der Länderspieltermine beispielsweise wurde vor gut zehn Jahren einmal auf sieben pro Jahr festgelegt. Inzwischen haben Fifa und Uefa sie auf zehn bis zwölf erhöht, schleichend. Gefragt haben sie die Vereine nicht.

Rauball sagt nun, er sei überrascht, dass das Thema Nations League "ohne Vorankündigung" auf der Tagesordnung gelandet sei. Jürgen Klopp stimmt ein: "Spieler und Trainer wurden sicher nicht gefragt." Die Verbände, so sieht es mancher, greifen sich, was sie können.

Im Handball kennt man die Debatte

Eine ähnliche Debatte führt der Handball schon lange. Der Weltpräsident Hassan Moustafa lässt alle zwei Jahre Weltmeisterschaften austragen, zudem messen sich die Nationalmannschaften alle vier Jahre bei Olympischen Spielen. Die großen Ligen und die Spielergewerkschaften kritisieren diese Inflation an Turnieren. Spieler kehren verletzt und ermüdet zu ihren Vereinen zurück.

Moustafa kann sich dennoch durchsetzen, weil Europas Verbände schlecht kooperieren und noch schlechter verhandeln. Seine Wahlen gewinnt Moustafa durch die Stimmen der vielen kleinen Verbände. Sie haben das gleiche Stimmrecht.

Auch das ist eine Parallele zum Fußball: Der Uefa-Präsident Michael Platini macht es ähnlich wie Moustafa. Von der Nations League dürften vor allem die kleinen Länder profitieren. Ihre Freundschaftsspiele können die nur schwer vermarkten, unter dem Dach der Uefa im Rahmen der Nations League ginge das leichter. Auch mit früheren Maßnahmen zielte Platini auf die Kleinen: Er hat das Teilnehmerfeld der EM von sechzehn auf vierundzwanzig erhöht. In zwei Jahren wird sich fast der halbe Kontinent in Frankreich treffen. Die EM 2020 zählt gar dreizehn Gastgeberländer. Auch den Zugang zur Champions League hat Platini den Kleinen erleichtert.

Doch Patini dürfte es auch um künftige Mehrheiten gehen. Zum einen will er vielleicht als Uefa-Präsident wiedergewählt werden. Zum anderen gilt es nicht als völlig ausgeschlossen, dass er im nächsten Jahr gegen Sepp Blatter im Kampf um die Spitze der Fifa antreten wird. Er kann jede Stimme brauchen, auch deswegen hat er im fernen Kasachstan seinen neuen Plan durchgedrückt. Die Nations League stößt vielleicht auch deshalb auf Ablehnung, weil sie Teil seiner Machtpolitik ist.