Dieser Sonntag war kein guter Tag für Sascha Rebstock. Er musste nicht nur mit ansehen, wie seine Mannschaft, Hannover 96, auseinandergenommen wurde, ausgerechnet vom Rivalen aus Braunschweig. Er musste auch erkennen, und das macht Sascha Rebstock fast noch mehr Bauchschmerzen, dass der Verein, den er seit Jahren unterstützt, nicht besonders nett zu ihm ist. "Ich bin vom Präsidenten meines Lieblingsvereins im Vorfeld als Verbrecher abgestempelt worden", sagt Rebstock. "Das nehme ich persönlich."

Deshalb hat sich der 30-Jährige am Sonntag ein Karnevalskostüm angezogen und ist als Sträfling zu einer Fandemo gegangen. Zusammen mit etwa 1.200 anderen Hannover-Fans protestierte er gegen das, was unter dem Namen "Buszwang" Schlagzeilen machte. Dieser Buszwang ist die wohl repressivste Maßnahme gegen Fußballfans in der Bundesliga-Geschichte. Und eine, die Schule machen könnte.

96-Fans, die zum Auswärtsspiel nach Braunschweig fahren wollten, mussten mit einem vom Verein organisierten Bus fahren. Nur dort wurden die Tickets für den Gästeblock verkauft. Wer mit dem Zug, dem Auto oder dem Fahrrad anreisen wollte, hatte Pech. Ebenso Leute, die etwa aus Berlin kamen. Die mussten zuerst nach Hannover, um dann den gleichen Weg nach Braunschweig zu fahren.

Solch einen erzwungenen Massentransport gab es im deutschen Fußball noch nie. Die Fan-Organisationen Pro Fans und Unsere Kurve warfen den Behörden in einem gemeinsamen Schreiben Verfassungsbruch vor. In Grundrechte wie Reisefreiheit dürfe nur eingegriffen werden, um strafbaren Handlungen vorzubeugen oder die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Der Buszwang würde pauschal 2.100 Fußballfans als Kriminelle abstempeln.

Prinzip der Fantrennung

Einige Fans haben geklagt. Sie wurden unterstützt von Andreas Hüttl, einem Fananwalt. Neun Inhaber von Auswärtsdauerkarten erhielten durch einstweilige Verfügungen das Recht, individuell anzureisen. Doch anstatt daraufhin die Karten für alle freizugeben, warteten die Verantwortlichen darauf, dass jeder Fan einzeln zum Amtsgericht lief. 86 weitere Anträge blieben bis zum Spieltag liegen, weil Hannover 96 einen Befangenheitsantrag gegenüber der Richterin stellte, über den nicht rechtzeitig entschieden werden konnte. "Ich bin sprachlos", sagt Hüttl.

Der Buszwang ist die konsequente Fortsetzung des Prinzips der Fantrennung. Die Fans gegnerischer Vereine sollen sich möglichst selten über den Weg laufen. Im besten Fall gar nicht. Deshalb wurden die Hannoveraner Fans in knapp 50 Busse geladen, jeder von einem Polizeitransporter eskortiert und in sieben Konvois nach Braunschweig gefahren. Dort wurden die 96er in einem abgesperrten Bereich vor dem Stadion ausgeladen, zum Gästeblock geleitet und nach dem Spiel auf dem gleichen Weg wieder zurückgebracht. Wer in Braunschweigs Innenstadt ein Bier trinken oder sich einfach nur mal ein wenig umsehen wollte, durfte nicht.