Vielleicht ahnte Kirsten Bruhns etwas. Mit zittrigen Fingern rasch das nächste Los aus dem Glasoval fischen und es wie eine entsicherte Handgranate vom eigenen Körper fernhalten – so ihr Plan. Sich ja nicht mit dem Resultat dieser Live-Ziehung des Pokal-Halbfinales in Verbindung bringen lassen. Allein: Es nützte nichts. Just im Moment der Schalte nach Leverkusen, wo der zweitklassige FCK gerade den Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga niedergerungen hatte, erfuhr Lauterns Vorstandsvorsitzender Stefan Kuntz vom Los, das "Bayern München" lautete.

So erklärte Kuntz die eigentlich als Losfee vorgesehene mehrmalige Paralympics-Siegerin kurzerhand zum Lossündenbock – mit einem Satz, der Gleichberechtigungsbeauftragten die Ohren bluten lässt: "Typisch: Frauen und Fußball. Toll. Vielen Dank", grantelte er.

Dabei ist Kuntz’ Verärgerung bei aller gebotenen political correctness nachvollziehbar: In aufeinanderfolgenden Pokalspielzeiten zweimal am Branchenprimus scheitern, das könnte man unter "Lospech" abheften. Dabei als unterklassiger Verein zweimal in München spielen zu müssen, wohl eher unter "Farce".

An der Rolle des krassen Außenseiters ändert der Austragungsort einer Partie auf den ersten Blick natürlich wenig. Als Komfortzone des Triplesiegers ist der Lauterer Betzenberg aber nur bedingt zu bezeichnen. Der FC Bayern erlitt dort so manch bittere Niederlage und auch dessen Trainer Pep Guardiola erinnert sich noch ganz genau an Kaiserslautern. So wäre die Konstellation Lautern gegen Bayern eine deutlich brisantere gewesen. Hat das Pokal-Reglement also einen Fehler?

Das Recht des Schwächeren

Amateurteams erhalten im DFB-Pokal pauschal Heimrecht. Warum nicht auch Zweitligisten, die gegen einen Erstligisten genauso als "unterklassig" anzusehen sind? Als ausnahmsloses "Recht des Schwächeren", wenn man so will. Das wird seit geraumer Zeit diskutiert, weil es viele Fürsprecher gibt. Hierzulande gab es erst zwei Zweitligisten, die den Pokal gestemmt haben: Hannover 96 (1992) und die Kickers Offenbach (1970). Zumindest letztere standen allerdings schon vor ihrem Endspiele als Aufsteiger in die Bundesliga fest.

So vermeldete die Sport Bild Anfang des Monats Diskussionen in der zuständigen Abteilung um DFB-Direktor Ulf Schott. Im Mittelpunkt des Diskurses stand ein "grundsätzliches Heimrecht gegen Erstligisten". Generalsekretär Helmut Sandrock sprach letztlich zwar von "einer Menge interner Notizen und Ideensammlungen", schließlich überdenke man seine Wettbewerbe ohnehin ständig. Dennoch gab sich der DFB in der Causa Pokal-Reform zugeknöpft: "Wir sehen keinen Grund, den Modus unseres etablierten Formats zu verändern." Für Sandrock ist der Pokal in seiner gegenwärtigen Konstitution eine Erfolgsgeschichte.

Doch ist dem so? Die Ergebnisse der vergangenen zehn Jahre zeigen: Spielt ein Zweitligist im eigenen Stadion gegen einen Erstligisten, hat er eine 42-prozentige Siegchance. Die Chance auf einen Auswärtserfolg liegt hingegen nur bei 17 Prozent. Und während ein zufällig ausgewählter Amateurverein (Drittligisten eingerechnet) 1,25 Pokal-Heimspiele und ein Erstligist 0,85 Heimspiele pro Saison bestreiten darf, kippen Vereine mit Zweitliga-Zugehörigkeit deutlich ab. Sie tragen im Schnitt nur 0,64 Pokal-Heimspiele pro Saison aus. Das entspräche etwa einem Heimspiel alle zwei Jahre. Unter Berücksichtigung des sportlichen Vorteils sowie der Zuschauereinnahmen ist das bereits jetzt alles andere als ein fairer Wettbewerb. Wobei der kurzfristige Trend in der Praxis ohnehin noch negativer ausfällt – besonders in den vergangenen beiden Pokalspielzeiten.