Der neue Osten besiegt den alten

Hansa Rostock gegen RB Leipzig. Dies ist nicht nur irgendein Drittligaspiel. Hier geht es um etwas Grundsätzlicheres. Hier spielt der alte Osten gegen den Neuen.

Auf der einen Seite Hansa Rostock, der mit Abstand erfolgreichste ostdeutsche Verein der Nachwendezeit. Zwölf Jahre hat er sich in der Bundesliga gehalten, inzwischen ist er trotz mehrfacher Millionen-Subventionen im Mittelfeld der Dritten Liga gelandet.

Auf der anderen Seite RB Leipzig, dem der Aufstieg in die Zweite Liga kaum mehr zu nehmen ist. Der über kurz oder lang wohl Bundesliga und Europapokal spielen wird. Bald wird er der führende ostdeutsche Verein sein. Am gestrigen Samstag kreuzen sich in Rostock die Wege von Hansa und RB wohl ein letztes Mal für lange Zeit.

Red Bull schlägt überall in Deutschland Hass entgegen. Seit ihn die Getränkefirma Red Bull vor fünf Jahren mit dem Ziel Bundesliga gründete, gilt er als Produkt aus der Retorte. Fans und Traditionalisten lehnen ihn ab, die Konkurrenz beargwöhnt ihn. Vereine sagen Testspiele gegen RB ab, weil sie von ihren Fans unter Druck gesetzt werden.

RB ist ein Marketing-Instrument, damit Red Bull mehr Dosen verkauft. Der Club scheint die 50+1-Regel zu umgehen, nach der Kapitalanleger in Vereinen nicht die Stimmenmehrheit haben dürfen. Offiziell heißt er "Rasenball", doch dass die beiden Buchstaben für den Geldgeber stehen, weiß jeder. Jüngst hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dem Verein harte Auflagen gemacht: Er muss die Führung neu besetzen, die Mitgliedsbeiträge senken und sein Logo ändern, weil es dem von Red Bull ähnelt.

Und dann gibt es noch die Fans. RB-Anhänger gelten als "Klatschpappenfans", als "Musical-Besucher", als Konsumenten und Verächter der Fußballkultur. Einerseits ist das ein Klischee. Sie machen das, was andere auch tun: Sie organisieren sich in Gruppen, sie schwenken Fahnen, sie singen.

Andererseits sind sie wirklich ein bisschen anders. Der Support des jungen Clubs ist weniger durchorganisiert, manchmal etwas leiser, spielabhängiger als in anderen Vereinen. Andere Fans halten sich meist an die Choreografie und Charts der tonangebenden Ultra-Gruppe. So was gibt es in Leipzig noch nicht.

Leipzig-Fans klatschen gerne

"Wir haben keine strengen Hierarchien", sagt Matthias Kießling, ein Leipziger Fußballblogger. "Bei uns ist es familiärer, hier sieht man mehr Väter, Mütter, Kinder."

Kießling musste sich als RB-Fan ungezählte Male rechtfertigen, zahllose Debatten hat er übers Fan-Sein geführt. Noch immer kann er sich über den "Anti-Red-Bull-Wahn" ärgern. Er macht sich aber auch über die eigene Szene lustig. "Es kommt schon mal vor, dass unser Vorsänger überklatscht wird. Der RB-Fan neigt zum Klatschen."

Kießlings Blog trägt den Namen rotebrauseblogger. Stünde er exemplarisch für die RB-Fans, hätte man es mit einem ziemlich selbstironischen Haufen zu tun. Sicher ist, dass RB-Fans friedlicher als viele andere sind. Es gibt in Leipzig keine Fans der Kategorie C – solche also, die als Gewaltsuchende eingestuft werden. In Rostock zählt die Polizei derer 300. "Mit den Leipzigern gibt es überhaupt keine Probleme", sagt ein Polizist, der am Rostocker Bahnhof die Abreise der RB-Fans sichert. "Die wollen einfach Fußball schauen und Spaß haben."

Als die Durchsage erklingt, sie mögen sich noch ein paar Minuten gedulden und auf die Regionalbahn warten, klatschen die Leipziger Fans in der Rostocker Frühlingssonne, als wären sie eine deutsche Touristengruppe, die gerade auf dem Flughafen in Fuerteventura gelandet ist. Bei anderen Fan-Gruppen kommt es in solchen Situationen schon mal zu Drohungen oder Sachbeschädigungen.

Plötzlich verschärft sich die Stimmung

Vor allem sind die Leipziger viele. Zum vergangenen Heimspiel gegen Darmstadt kamen 40.000. Darunter mögen einige Freikarten gewesen sein, dennoch ist das ein extrem hoher Wert für die Dritte Liga. In der Zweiten Bundesliga dürften noch mehr kommen, in der Ersten sowieso. Leipzig ist eine alte Fußballstadt. Auf der Tribüne findet man bei Heimspielen Leute, die die DDR-Oberliga erlebt haben.

Inzwischen findet man sie, muss man sagen, in der Gründungszeit des Clubs war das anders. Die Akzeptanz des Vereins in der Stadt sei in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen, sagt Kießling. "Inzwischen kann man sich mit RB-Schal in der Straßenbahn sehen lassen, vorher wurde er einem auch mal vom Hals gezockt."

Zum Spiel in Rostock sind etwa 1000 Leipziger angereist  – bedeutend mehr als die Bundesligisten Wolfsburg oder Hoffenheim auf Auswärtsfahrten zählen. Es wären noch mehr erschienen, wenn es nicht eben Rostock wäre. Die Polizei hat das Spiel als Hochsicherheitsspiel eingestuft, viele Leipziger haben Angst vor Hansa.

"Ohne Leipzig wär hier gar nix los!"

Die Rostocker Fans verstehen Hansa als Traditionsverein, als Gegenmodell zu RB. Zum Hinspiel fuhren 8000 Rostocker nach Leipzig. Die ersten sieben Minuten des Rückspiels boykottieren die Rostocker Stehplatz-Fans, ihr Block ist leer, nur zwei Transparente hängen dort: "Dieses Produkt verdient keinen Rahmen: Scheiß Bullen!" und "Bier statt Brause!" Als sie den Block betreten, zeigen die Rostocker mit lauten Hansa-Gesängen, wer Herr im Haus ist. Auf einer großen Choreographie steht: "Scheiß Bullen!" Auch unter den Sitzplatzfans ist Abneigung gegen RB zu spüren.

In der Halbzeit verschärft sich die Stimmung. Etwa zwanzig Rostock-Fans, manche von ihnen vermummt, verlassen den Block, bedrohen die Leipziger und bewerfen sie mit Plastikflaschen. Als sich die Polizei unter ihnen positioniert, wirft ein Fan aus rund acht Metern Höhe eine große Glasflasche herab. Es kommt niemand zu Schaden, auch weil das Polizeiaufgebot enorm hoch ist, aber die Situation ist beängstigend. So was komme vor in Rostock, sagen Ordner und Polizisten.

Den größten Teil der zweiten Halbzeit verbringen mehrere hundert Rostocker außerhalb der Blöcke hinter dem Stadion. Wieder sieht man viele Vermummte. Fans und Polizei beäugen sich, es liegt etwas in der Luft. Fußball spielt hier keine Rolle mehr. Im Block hört man keinen Gesang, auch weil der Capo, der Vorsänger, nicht mehr da ist. Stattdessen präsentieren Hansa-Fans stolz einen Polizeihelm und werfen ihn über den Zaun.

Das Spiel endet 0:1 für RB Leipzig. Das ist erwartet worden. Doch auch das Duell um die ausdauerndere Unterstützung gewinnen die Gäste. Kurz vor Ende verhöhnen die Fans aus Leipzig die verstummten Rostocker: "Ohne Leipzig wär hier gar nix los!"

Die Polizei berichtet später, dass Hansa-Fans Eisenstangen, Klodeckel und Steine geworfen haben. Nach Angaben des Vereins sind Polizisten, Fans und sogar Mitarbeiter des FC Hansa verletzt worden. Verein und gemäßigtere Fan-Gruppen aus Rostock distanzieren sich von den Gewalttätern.

"Ist das die Fußballkultur, von der immer alle sprechen?", fragt Matthias Kießling.