Auf dem Gehweg vor einem Luxushotel in Madrid schreien Fans. Aus dem Bus davor steigen Bayerns Fußballstars, einer nach dem anderen, als wollten sie prüfen, wer den meisten Trubel entfacht. Bei Pep Guardiola wird es besonders laut. Mehrere Fotografen verfolgen wenig später den Trainer, als er sich auf das Podium setzt, wo er seine Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Real Madrid (20.45 Uhr, hier im Liveblog und auf ZDF) halten wird. Ein großer Empfang für einen kleinen Verein. 

Kleiner Verein? Ja, das sind Guardiolas Worte. "Wir haben wie ein kleiner, kleiner, kleiner Verein gewonnen", sagte er nach dem Sieg in Braunschweig am Samstag. Bayern-like klang das nicht. Und es versinnbildlichte das aktuelle Problem des Vereins.

Bis vor vier Wochen steuerte Guardiola die perfekte Saison an. Als erster Bundesligist in einundfünfzig Jahren war der FC Bayern bis zum Titelgewinn nicht zu bezwingen. Viele Gegner ergaben sich der Münchner Herrschaft über Ball, Raum und Spiel. Doch danach gewann der FC Bayern drei Bundesligapartien nicht, gegen Dortmund verlor er zu Hause schmerzhaft 0:3. Selbst die Siege gegen Kaiserslautern und Braunschweig waren dürr und klein.

Franck Ribéry, der im Bayern-Trikot wohl noch nie so schlecht spielte wie in Braunschweig, sagte: "Vielleicht sind wir zu früh Meister geworden." Arjen Robben stimmte ein: "So wie wir in den letzten Spielen gespielt haben, kann man sagen, dass wir kein Favorit mehr sind." Und der Sportvorstand Matthias Sammer sprach von der "Kuscheloase", die es nun zu verlassen gelte.

So kommt es, dass vor der entscheidenden Phase der Champions League Zweifel auftauchen: Hat die Bayern-Elf für die Champions-League-Halbfinale Rhythmus und Tempo verloren? Hat Guardiola den FC Bayern geschrumpft? Oder hat das Team einfach Kraft gespart für Wichtigeres als die Bundesliga?

Die Fragen richten sich an den Trainer. "Wir spielten without focus", sagt Guardiola und blickt hinauf zu einem der großen Kronleuchter. Er meint den unvermeidbaren Spannungsabfall nach der frühen Meisterschaft. Doch diesen hat er ohne Not verstärkt. In Zeitungen wurden Aussagen von Spielern kolportiert, wonach nach dem Titelgewinn ein bisschen lascher trainiert worden sei. Mit Guardiolas Aussagen, die Bundesliga sei zu Ende, war sie das plötzlich irgendwie auch.

Vor allem hat der Trainer mit der Aufstellung in Augsburg seiner Mannschaft die Motivation für die letzten Bundesligaspiele genommen. Durch den Einsatz von drei Spielern aus der Regionalligamannschaft provozierte er die erste Niederlage. Für Guardiola mag das eine statistische Nichtigkeit sein. Einigen Spielern jedoch wäre es sehr wichtig gewesen, als erste Mannschaft eine Bundesliga-Saison unbesiegt zu beenden. Diese Chance wird wohl so schnell nicht wiederkommen.

Obwohl sich die Bayern in der Champions League noch keine Blöße gaben und obwohl Meister (oder Double) plus Champions-League-Halbfinale eigentlich eine starke Ausbeute ist, wäre es eine Ernüchterung, sollten sie gegen Madrid ausscheiden. Eine Ernüchterung, die an Guardiola hängen bliebe. Er müsste mit dem Vorwurf leben, zu früh den Schongang verordnet zu haben – ob berechtigt oder nicht.