ZEIT ONLINE: Herr Ottke, Sie waren als Profiboxer hyperaktiv. Haben Sie auch eine ADHS-Diagnose bekommen?

Sven Ottke: Nein, zu meiner Zeit kannte man das noch nicht. Ich war als Kind sehr unruhig und konnte nicht stillsitzen. Einige Lehrer ließen mich im Unterricht rumlaufen, andere schmissen mich raus. Ich habe damals viel Mist gebaut, mich oft auf dem Schulhof geprügelt. Ich war ein extremes Problemkind.

ZEIT ONLINE: Was war für Sie das beste und das schlimmste Fach in der Schule?

Ottke: Mein Lieblingsfach war natürlich Sport. Englisch war schrecklich. Ich fragte mich: "Warum soll ich Englisch sprechen? Sollen die anderen doch Deutsch sprechen!"

ZEIT ONLINE: Haben Sie damals schon viel Sport gemacht?

Ottke: Zuerst habe ich Fußball gespielt, dann war ich beim Leichtathletik. Ich konnte alles ganz gut, aber es war kein Highlight dabei. Als ich 14 war, nahm mich ein Kumpel mit zum Boxen. Da war ich dann relativ schnell erfolgreich. Und wenn man erfolgreich ist, bleibt man natürlich dabei.

ZEIT ONLINE: Was hat sich durch das viele Training und den Erfolg geändert?

Ottke: Durch den Sport haben sich mein Verhalten und meine schulischen Leistungen verbessert. Ich war immer ein Hauptschüler, weil ich keinen Bock auf Schule hatte. Aber dann bin ich noch auf eine Gesamtschule gewechselt und habe den Realschulabschluss gemacht.

ZEIT ONLINE: Bei Olympia-Schwimmlegende Michael Phelps wurde schon als Kind ADHS diagnostiziert. Er bekam daraufhin ein tägliches Sportprogramm verordnet, um seine überschüssige Energie loszuwerden. Was halten Sie davon, Sport als Therapie für hyperaktive Kinder einzusetzen?

Ottke: Ich bin überzeugt, dass bereits der Schulsport ein wichtiger Aspekt ist. Aber der ist heutzutage eine Katastrophe. Viele Schulen haben kaum richtige Sporthallen und Sportlehrer.

ZEIT ONLINE: Immer wieder hört man, dass Kinder mit ADHS Medikamente, zum Beispiel Ritalin, nehmen sollen, damit sie den Unterricht nicht stören. Wie stehen Sie dazu?

Ottke: Etwas Schlimmeres kann man den Kindern nicht antun. Teilweise sitzen 30 Kinder in den Klassen. Da kann man sich gar nicht individuell mit ihnen auseinandersetzen. Man bräuchte kleinere Gruppen, damit jeder gefördert und gefordert wird. Und natürlich engagierte Lehrer, die das auch wollen.

ZEIT ONLINE: Durch den großen Leistungsdruck ist es für viele ADHS-Kinder besonders schwer, Erfolgserlebnisse in der Schule zu haben. Ein weiterer Grund für den Sport?

Ottke: Ja, es ist doch oft der Fall, dass Kinder mit einer Lernschwäche sich ihre Erfolgserlebnisse im Sport holen. Einige sind eben in der Theorie besser, andere in der Praxis. Man muss die Stärken der Kinder erkennen und sie fördern. Heutzutage interessiert doch auch keinen mehr, ob Michael Phelps mal ein Vierer-Schüler war. Er ist ein Weltklasse Sportler. Keiner fragt, ob er richtig lesen kann.