Das Gefühl kommt jedes Mal wieder, wenn Jorge Santos die Betonplatte sieht. Sie ist etwa zwei Quadratmeter groß, die Ränder sind abgebrochen. An ein paar Stellen ragt verrosteter Stahl heraus. Er sieht sie jeden Tag, wenn er hier auf dem Weg zur Gartenarbeit vorbeifährt. Diesmal steuert er seinen weißen Chevrolet-Kastenwagen an den Straßenrand, hält an und denkt daran, wie alles auf einen Schlag vorbei war.

Jorge schaut auf die Überreste seines abgerissenen Hauses. 20 Jahre lang hatte er hier gelebt, um ihn herum die Nachbarn, die ihm so viel bedeutet haben. Er, 53 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern, hätte nie für möglich gehalten, dass sein Zuhause einfach zerstört werden könnte. Dass er würde kämpfen müssen, und verlieren würde.

All seine Versuche mit Paragrafen und Demonstrationen, Anwälten und einer Bürgerrechtsinitiative, die er selbst gegründet hat, sind gescheitert. Vor Gericht erreichte er lediglich, dass ihm statt 3.000 später umgerechnet 4.600 Euro Entschädigung für sein Haus gezahlt wurden.

20.000 zwangsgeräumte Häuser

Jorge steigt auf einen Baumstamm neben der Betonplatte. Er erzählt, wie drei Tage nach Weihnachten 2010 die ersten Häuser abgerissen wurden. Insgesamt waren es mehr als 200. Wie es regnete an diesem Tag, und die Leute von der Räumung überrascht wurden. Wie sie ihr Hab und Gut auf die Straße stellen mussten, in den Regen, während die Bagger die Häuser einrissen. Wie die Kinder weinten.

Bald blieb kaum noch etwas übrig von der kleinen Favela namens Vila Recreio II. Dort lebten 200 der insgesamt mehr als 20.000 Familien, deren Häuser in den Jahren 2009 bis 2013 in Rio de Janeiro zwangsgeräumt wurden. Familien aus den Armenvierteln, den sogenannten "informellen Gebieten", ohne Papiere, die Besitzverhältnisse von Haus und Boden klären. Zwangsräumungen im großen Stil – ein Vorgehen, für das die Fußball-WM und die Olympischen Spiele ein willkommener Anlass sind.

Die offizielle Erklärung klingt anders. Der Beauftrage für Wohnungsbau der Stadtverwaltung, Pierre Batista, ist für einen Großteil der Zwangsräumungen verantwortlich. "Die meisten dieser Familien wohnten in Risikogebieten. Die Stadtverwaltung hat ihnen besseren, würdigeren Lebensraum geschaffen", sagt er. Mit Risikogebieten meint er Häuser, die an einem Berghang oder Flussufer stehen. Nur weniger als zehn Prozent der Häuser hätten wegen Bauarbeiten der Stadt abgerissen werden müssen. Und selbst bei diesen Baustellen bestehe kein Zusammenhang zu der Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016, außer im Fall einer einzigen Favela am Olympiapark.

Für Jorge sind das Vorwände und Lügen. Er redet ohne Pause, mit viel Nachdruck in der Stimme, die Hände sind immer in Bewegung. Immer wieder stellt er sich selbst Fragen, um sich anschließend weiter in Rage zu reden. Als im Juni 2010 zum ersten Mal Beauftragte der Stadt in der Vila Recreio II auftauchten, hatten die Bewohner schon aus dem Fernsehen von den Plänen erfahren: Es sollte ein Tunnel durch den Berg am Rand der Favela gebaut und die Straße erweitert werden. Der abgelegene Westen der Stadt sollte so an das Busnetz angeschlossen werden. Mit einer von insgesamt vier Schnellbusstrecken. Beim Baustart der Straße gegenüber von Jorges Haus stand Carlos Arthur Nuzman, der Präsident des Brasilianischen Olympischen Komitees, gemeinsam mit Rios Bürgermeister am Zünder, und löste die erste Explosion aus.

Wo die Armen die Touristen vergraulen

Zwei der Schnellstraßen in Rio, die TransOlímpica und die TransCarioca, werden ausschließlich für Olympia und die WM gebaut. Nach internen Zahlen der städtischen Abteilung für Wohnungsbau wurden bereits die Häuser von 750 Familien allein für die Konstruktion der vier Schnellbusstrecken abgerissen. Trotz offensichtlichem Zusammenhang will die Stadt vermeiden, dass Zwangsräumungen in einem Atemzug mit den Großveranstaltungen genannt werden.

Die verbreiterte Straße und der Tunnel vor der Vila Recreio II wurden im Juni 2012 eingeweiht. Aber der Platz, auf dem Jorges Haus stand, ist leer geblieben. Genauso wie der Boden, auf dem früher seine Nachbarn lebten. Weniger als ein Drittel des Platzes wurde für den Bau der Straße tatsächlich genutzt. Jorge ist sich sicher: Der eigentliche Grund der Räumung waren Immobiliengeschäfte.

Der Boden in der Region gewinnt an Wert, wenn eine Favela verschwindet. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die Enteignungen oft genau da stattfinden, wo der Boden teuer ist – und in der Nähe von WM- und Olympia-Austragungsorten. Wo die Armen die Touristen vergraulen würden.