Wie komfortabel es doch ist, Tradition und Heimeligkeit zu verteidigen, wenn man in Nordrhein-Westfalen lebt! Wo einer, der ein Spiel sehen will, die pralle Auswahl hat. Die angeblichen Fußballkulturverteidiger sind in Wirklichkeit Besitzstandswahrer; sie halten Werte hoch, die nicht die guten Werte sind, sondern einfach ihre eigenen. Gönnerhaft belobigen sie Clubs wie Rostock oder Erfurt: Man tätschelt den ehrlichen Drittligisten, ist aber froh, dass er Drittligist bleibt.

Red Bull ist sicher kein Wohlfahrtsverband. Ja, tatsächlich hat sich da ein Investor einen ganzen Verein einverleibt. Die Kritik der DFL im Lizensierungsverfahren lautet: RBs Logo erinnere zu sehr an das Logo von Red Bull. Noch schwerer wiegt für den Verband offenbar der Umstand, dass RB von der österreichischen Red-Bull-Zentrale aus ferngesteuert wird. Nur acht Mitglieder hat RB Leipzig, sie alle gehören zum Umfeld von Dietrich Mateschitz, dem Gründer von Red Bull. Nur: Streng juristisch hat die DFL gegen Red Bull eigentlich wenig in der Hand, ein Verein braucht in Deutschland sieben Mitglieder. Wieso sollte relevant sein, wer die sind?

Und ganz grundsätzlich, mal ehrlich: Red Bulls Konzept ist die einzige Chance. Es gibt keinen Großkonzern in den neuen Ländern, der die Mittel hätte, generöser Sponsor zu sein.

So vieles verdankt eine Stadt wie Leipzig dem Geld von Konzernen, die erkannt haben, welches Potenzial hier brachliegt: BMW betreibt in Leipzig ein Autowerk, Porsche baut in Leipzig seinen Panamera, DHL hat in Leipzig sein Drehkreuz eröffnet. Red Bull? Hat einen Fußballverein übernommen. Ohne BMW und Porsche würde Leipzig keine guten Autos bauen. Ohne Red Bull keinen guten Fußball spielen.

Red-Bull-Chef Mateschitz hat in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung gerade ziemlich verspannt auf die Lizenz-Bedenken der DFL reagiert: "Vielleicht will man ganz einfach nicht, dass wir mit Leipzig an der Bundesliga teilnehmen und will es uns nur nicht direkt sagen", schimpfte er. Indirekt drohte er sogar, sein Engagement in Leipzig zu beenden: Er wolle "niemanden zwangsbeglücken", das habe er "ehrlich gesagt auch nicht notwendig". So eingeschnappt, so dünnhäutig braucht er sich nicht zu geben.

Ganz sicher kann Mateschitz seinen Verein ein wenig öffnen, ohne gleich die Kontrolle über ihn zu verlieren. Aber Recht hat er schon, wenn er ein bisschen Respekt einfordert. Am 28. Mai tagt der Lizensierungsausschuss der DFL in entscheidender Sitzung. Bis dahin sollten sich beide Seiten bewegt haben. Alles andere wäre ein schweres Foul, ein Foul am ostdeutschen Fußball.

Franz Beckenbauer sagte, nach dem sportlichen Aufstieg von RB: "Ich würde mir mehr Red Bulls wünschen, dann würde es auch dem Osten besser gehen." Beckenbauer erzählt viel Unsinn, aber dieser Satz ist gar nicht so falsch. Mir ist Red Bull lieber als Gazprom oder Wiesenhof, die Sponsoren von Schalke 04 (Putins Erdgas) und Werder Bremen (Masthühnchen).

Lieber hundert Millionen von Dietrich Mateschitz als hundert Euro von Putins Gnaden. Anders ausgedrückt: Liebe Fußballromantiker – verschont uns mit den Scheinargumenten von Kommerz und Tradition! Ein volles Leipziger Stadion, 45.000 Leute in der Zweiten oder Ersten Liga: Auch das wird bald zur Tradition gehören.

Dieser Text ist eine erweiterte Fassung eines Beitrags aus der ZEIT im Osten 20/2014