Eine Woche noch, dann müsste man wegen des Namens vielleicht was machen. Aber gerade hat Mario Drifte viel zu tun, seine Kneipe ist voll. Drinnen läuft Helene Fischer, draußen werden Bratwürste und Krakauer gegrillt, ein Bierwagen verbessert becherweise die Laune der HSV-Fans, die gleich ins Stadion gehen werden. Die Kneipe heißt: "Unabsteigbar."

Seit 50 Jahren, 252 Tagen, 17 Stunden und ein paar Minuten spielt der HSV schon in der Bundesliga. Also seit immer, als einziger Verein der Liga, als Dino. Die Zahlen stehen auf einer großen Uhr im Stadion. Sie wird in diesen Wochen im Fernsehen häufiger gezeigt, weil die Hamburger sie vielleicht bald zurückstellen müssen. Daran erinnern auch die Bayern-Fans, die an diesem Wochenende zu Gast in Hamburg sind: Sie halten ein Banner hoch, dass aussieht wie die Uhr des HSV, zählen dessen Zeit in der Bundesliga aber rückwärts: 7 Tage, 1 Stunde, 30 Minuten stand am Samstagnachmittag darauf. Eine Woche noch, mehr nicht.

Indianer, HSV-Fan

Auch Indianer glaubt das. Er steht vor dem Spiel in der Unabsteigbar, der meistfotografierte HSV-Fan hat seine ganz eigene Vereinsgeschichte: Sie beginnt mit einem Iro, weil er Mr. T vom A-Team cool fand. Als seine Freunde sagten, er sehe aus wie ein Indianer, zog er los und kaufte bei Karstadt in der Hobbyabteilung schwarz-weiß-blaue Federn. Dazu trägt er heute Theaterschminke als Kriegsbemalung und ein altes Trikot, darüber eine Kutte mit Dutzenden Aufnähern und 29 Schals: 14 am linken Arm, 14 am rechten und einen etwas größeren vor seinem Schritt, sein Lendenschurz. "Ein Abstieg wäre surreal", sagt Indianer. "Aber ich fürchte, es wird passieren."

Gebündelte fußballerische Inkompetenz

Möglicherweise sind Indianer und die anderen HSV-Fans auf dem Hof der Unabsteigbar zum letzten Mal als Erstliga-Fans zusammenkommen. Zum vorerst letzten Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte, darin sind sich vor der Partie viele einig. Zu sehr enttäuscht hat sie ihre Mannschaft – und das schon seit Jahren. Die zahlreichen Trainerwechsel und ein Vorstand auf Baldrian. Wenn sich fußballerische Inkompetenz irgendwo gebündelt hat, dann zuletzt in der Hansestadt. 

Außerdem geht es gegen die Bayern, da ist doch eh nichts drin und die Konkurrenz hat auch noch leichtere Gegner. Vom Auswärtsspiel in der kommenden Woche in Mainz ist auch nichts zu erwarten, den letzten Auswärtssieg gab es im Oktober. "Der Abstieg wäre eine Katastrophe für Hamburg", sagt Indianer.

"Spielt heute der HSV?"

Vor dem Spiel ist in der Stadt nicht viel zu spüren von Abstiegstristesse. Die Sonne strahlt, auf der Mönckebergstraße wird flaniert, ein paar Bayern-Fans machen Selfies mit dem Michel, an der Alster sitzen kurzärmelige Menschen in Cafés und sonnen sich. Der Tag ist viel zu schön, um traurig zu sein.

Ein Mann mit Seemannsmütze, der an den Landungsbrücken mit Seebärenstimme zur Großen Hafenrundfahrt aufruft, sagt, der HSV interessiere ihn nicht. Wäre er traurig, wenn der Club abstiege? "Nö", sagte er. "Gro-ße Ha-fenrund-fahrt!"

In der S-Bahn fragt ein Pärchen, ob denn der HSV heute spiele. Und gegen wen? Am Jungfernstieg, in einem großen, teuren Kaufhaus, sagt die Empfangsdame, dass sie sich nicht sonderlich für Fußball interessiere. Aber es werde gerade viel darüber geredet, vor allem in der Bahn.