Der Verein, dem viele den Abstieg gönnten – Seite 1

Der Hamburger Tolgay Arslan kann mit dem Ball umgehen. Als er ihn in der zweiten Halbzeit bei einer 1:0-Führung im Strafraum erhielt, hatte er freie Bahn. Statt den einfachen, direkten Weg zu wählen, chippte er den Ball. Er wählte die schwere Lösung, weil er nicht nur ein Tor, sondern ein schönes Tor schießen wollte. Der Ball ging drüber, im Gegenzug glich Fürth aus und wurde fortan stärker und stärker.

Die Szene belegt das größte Problem des HSV. Es ist der Bundesliga-Verein, der am wenigsten aus seinen Möglichkeiten macht. In einer Effizienztabelle, die die Kaderkosten oder den Marktwert der Mannschaft mit den Siegen verrechnen würde, belegte er den letzten Tabellenplatz. Er zählt drei deutsche Nationalspieler. Hamburg ist eine reiche Stadt und dem Fußball zugeneigt. Der HSV hat sechs Meistertitel, gewann vor dreißig Jahren den Europapokal der Landesmeister, den Vorgänger der Champions League. Im Stadion läuft eine Uhr, die anzeigt, wie lange das Gründungsmitglied zur Bundesliga gehört.

Daher glauben viele im Verein, der HSV sei eine internationale Marke, er gehöre in die Bundesliga. Die aktuelle Schwäche wäre demnach eine vorübergehende. Vor der Saison sprach der Vorstand vom Europapokal. Dass der HSV am Ende überhaupt in der Relegation ran durfte, hatte er bloß der Schwäche der deutlich kleineren Vereine Braunschweig und Nürnberg zu verdanken.

Der HSV ist der Underperformer des deutschen Fußballs.

Jetzt hat er die Klasse gesichert, auch in der 52. Bundesliga-Saison wird der "Dino" dabei sein. Einmalig. Doch weniger hat noch nie zum Klassenerhalt gereicht. Mit nur 27 Punkten ist noch keine Mannschaft zuvor auf Platz 16 gelandet. Der HSV hat die letzten fünf Spiele verloren. Und die Relegationsspiele überstand er dünnstmöglich, mit zwei Remis gegen den Zweitligisten. Das gab es auch noch nie.

Beide Male spazierte die Elf gegen einen engagierten, aber im Sturm eigentlich biederen Gegner am Rande der Niederlage. In Fürth war der HSV lange die bessere Mannschaft. Man sah, sie hat technisch mehr zu bieten, etwa Milan Badelj, Hakan Calhanoglu oder Arslan. Doch das Team wurde nach der frühen Führung nachlässig, nach dem Ausgleich zerbrach es fast. Bei den letzten der wenigen Angriffe suchten die HSV-Profis die Fürther Eckfahne, um Zeit zu gewinnen. Um ein Haar hätten sie das historische Spiel verloren.

"Ich bin leer", sagte der kreidehäutige Heiko Westermann nach dem Spiel, "ich bin tot". Man merkte ihm die Peinlichkeit an, die in dieser Rettung steckte. Auch Westermann hat viele Fehler gemacht in diesem Jahr. So eine Saison dürfe nie wieder vorkommen, sagte er. Jetzt müsse einiges passieren im Verein. Das sagten viele Hamburger an diesem Abend.

Die Mängelliste im Verein ist lang: Ständige Trainerwechsel, gleich zwei in dieser Saison. Schlechte Transfers. Wenig Nachwuchs. Verschuldung. Überhöhte Gehälter. Geschwätziger Aufsichtsrat. Geschwächter, schwacher Vorstand. Und die Abhängigkeit von Klaus-Michael Kühne, dem Milliardär und HSV-Fan. Eine offizielle Funktion hat der Mäzen beim HSV nicht, doch er redet in die Vereinspolitik rein. Das kennt man eigentlich nur aus der Bezirksliga.

Mit Kühne verbinden viele HSV-Fans Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er unterstützt HSV plus, das Konzept für die Ausgliederung der Profiabteilung. Am Sonntag sollen die Mitglieder darüber entscheiden. Es soll erstens Geld bringen und zweitens, ja und zweitens? Professionellere Strukturen schaffen, heißt es. Was der Verein aber mehr braucht als gute Strukturen, sind gute Führungskräfte. Das sagen Mitglieder, die den Club gut kennen.

Abstieg bloß verzögert?

Der Stolz auf die Vergangenheit und die Hoffnung auf die Zukunft brachten die Fans mit nach Fürth. Die Gegenwart ist trist, damit haben sie sich abgefunden. Schon im Hinspiel feuerten sie ihr Team so laut und bedingungslos an wie sehr lange nicht mehr. Mut machen. Nach dem enttäuschenden 0:0 verschluckten sie in der Marktschänke, einer Kneipe in Altona, ihren Frust mit Kümmel und Holsten, versangen ihre Angst mit Shantys und Anti-Werder-Chören. Mut machen.

Mut machen war auch beim Rückspiel angesagt. 2.000 Fans reisten an, mehr durften nicht rein in den kleinen Fürther Ronhof. Mehr als 15.000 Hamburger sahen das Spiel auf einer Leinwand im Stadion am Stellinger Volkspark. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz war in Fürth und zuckte zusammen, als zum Teil vermummte Fans im HSV-Block vor Anpfiff Pyrotechnik und Böller zündeten. Mut machen.

Die Hamburger hielten zusammen in den vergangenen Tagen, sie waren das große Plus, Spieler und Verantwortliche lobten sie. Sicher auch, weil viele aus Fußballdeutschland (mit Ausnahme des Fürther Lokalrivalen Nürnberg) dem HSV den Abstieg gönnten. Umso lauter sangen die Fans "Immer 1. Liga, HSV!" In den gut dreißig Minuten vom 1:1 bis zum Abpfiff wurden sie etwas leiser. Trainer Mirko Slomka wusste nicht, wohin mit seinen Armen, er tippte von einem Fuß auf den anderen. Man sah ihm selbst von hinten die Nervosität an. Nach dem Spiel sagte er: "Manche meiner Spieler hatten nichts mehr im Tank." Er sprach von Glück.

Fast wäre der "Dino" der Bundesliga verlustig gegangen. Fürth wäre ein besonderer Ort gewesen, er hat den Charme eines Amateurvereins. Um das Stadion stehen Reihenhauswohnungen mit Vorgärten. Die Mucke, die vor dem Spiel vom Band kommt, passt gut zu einer fränkischen Kirchweih. Den Hamburgern hätte es vorkommen müssen, als wären sie in Poppenbüttel abgestiegen.

Sie sind aber nicht abgestiegen, posten die Fans auf ihre Facebook-Seiten nun aus einer Mischung aus Trotz und Erleichterung. Es ging noch mal gut. Es ging gut, weil Jaroslav Drobny, einer der bestbezahlten Ersatztormänner der Liga, in wichtigen Momenten die Ruhe bewahrte. Weil der ausgeliehene Pierre-Michel Lasogga einen uweseelerhaften Kopfball versenkte, den Rafael van der Vaart per Ecke auflegte. Noch so eine typische Hamburger Personalie: Das Auslaufmodell van der Vaart dürfte fast so viel verdienen wie der gesamte Fürther Kader. Er war der Lieblingstransfer von Kühne.

Alles gut? Oder hat der HSV den Abstieg bloß verzögert? Der erlösende Schlusspfiff entfachte jedenfalls großen Jubel. Ersatzspieler und Leute aus dem Funktionsteam rannten auf den Rasen, die Spieler zu den Fans. "Niemals Zweite Liga!", skandierte der Block minutenlang. Es klang nach einer Beschwörung, es klang nach Mut machen.