Der Stolz auf die Vergangenheit und die Hoffnung auf die Zukunft brachten die Fans mit nach Fürth. Die Gegenwart ist trist, damit haben sie sich abgefunden. Schon im Hinspiel feuerten sie ihr Team so laut und bedingungslos an wie sehr lange nicht mehr. Mut machen. Nach dem enttäuschenden 0:0 verschluckten sie in der Marktschänke, einer Kneipe in Altona, ihren Frust mit Kümmel und Holsten, versangen ihre Angst mit Shantys und Anti-Werder-Chören. Mut machen.

Mut machen war auch beim Rückspiel angesagt. 2.000 Fans reisten an, mehr durften nicht rein in den kleinen Fürther Ronhof. Mehr als 15.000 Hamburger sahen das Spiel auf einer Leinwand im Stadion am Stellinger Volkspark. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz war in Fürth und zuckte zusammen, als zum Teil vermummte Fans im HSV-Block vor Anpfiff Pyrotechnik und Böller zündeten. Mut machen.

Die Hamburger hielten zusammen in den vergangenen Tagen, sie waren das große Plus, Spieler und Verantwortliche lobten sie. Sicher auch, weil viele aus Fußballdeutschland (mit Ausnahme des Fürther Lokalrivalen Nürnberg) dem HSV den Abstieg gönnten. Umso lauter sangen die Fans "Immer 1. Liga, HSV!" In den gut dreißig Minuten vom 1:1 bis zum Abpfiff wurden sie etwas leiser. Trainer Mirko Slomka wusste nicht, wohin mit seinen Armen, er tippte von einem Fuß auf den anderen. Man sah ihm selbst von hinten die Nervosität an. Nach dem Spiel sagte er: "Manche meiner Spieler hatten nichts mehr im Tank." Er sprach von Glück.

Fast wäre der "Dino" der Bundesliga verlustig gegangen. Fürth wäre ein besonderer Ort gewesen, er hat den Charme eines Amateurvereins. Um das Stadion stehen Reihenhauswohnungen mit Vorgärten. Die Mucke, die vor dem Spiel vom Band kommt, passt gut zu einer fränkischen Kirchweih. Den Hamburgern hätte es vorkommen müssen, als wären sie in Poppenbüttel abgestiegen.

Sie sind aber nicht abgestiegen, posten die Fans auf ihre Facebook-Seiten nun aus einer Mischung aus Trotz und Erleichterung. Es ging noch mal gut. Es ging gut, weil Jaroslav Drobny, einer der bestbezahlten Ersatztormänner der Liga, in wichtigen Momenten die Ruhe bewahrte. Weil der ausgeliehene Pierre-Michel Lasogga einen uweseelerhaften Kopfball versenkte, den Rafael van der Vaart per Ecke auflegte. Noch so eine typische Hamburger Personalie: Das Auslaufmodell van der Vaart dürfte fast so viel verdienen wie der gesamte Fürther Kader. Er war der Lieblingstransfer von Kühne.

Alles gut? Oder hat der HSV den Abstieg bloß verzögert? Der erlösende Schlusspfiff entfachte jedenfalls großen Jubel. Ersatzspieler und Leute aus dem Funktionsteam rannten auf den Rasen, die Spieler zu den Fans. "Niemals Zweite Liga!", skandierte der Block minutenlang. Es klang nach einer Beschwörung, es klang nach Mut machen.