ZEIT ONLINE: Herr Mickler, als Sportpsychologe schulen Sie Deutschlands angehende Fußball-Lehrer im Umgang mit Medien. Geben Sie selbst gern Interviews?

Werner Mickler: Wenn es sich um Fragen zur Psychologie des Sports oder zum grundsätzlichen Verhalten in der Öffentlichkeit handelt, bin ich da ganz aufgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Und wann macht der Interviewte Werner Mickler dicht?

Mickler: Wenn er um die Beurteilung konkreter Fehlverhalten gebeten wird. Was oft passiert. Aber da bin ich vorsichtig. Protagonisten anzuprangern, das gibt meine Funktion nicht her.

ZEIT ONLINE: Wir versuchen es trotzdem. Im Pokalfinale treffen zwei sehr unterschiedliche Trainertypen aufeinander: Der emotionale Dortmunder Jürgen Klopp und Pep Guardiola, sein eher besonnener Kollege vom FC Bayern. Wen erachten Sie als krisenfester?

Mickler: Einen Typus auszuwählen, entspräche gar nicht meiner Intention. Jürgen Klopp und Pep Guardiola spielen keine Rollen, sondern sind auf ihre Art charismatisch. Das ist die Grundvoraussetzung für einen Trainer, um auch Negativphasen zu überstehen.

ZEIT ONLINE: Nun ist Charisma nicht erlernbar.

Mickler: Nicht jeder kann wie Klopp oder Guardiola sein. Und es ist besonders wichtig, das gar nicht erst zu versuchen. Authentizität predigen wir auch in der Ausbildung, weil es honoriert wird. Klopps Lockerheit kamen ihm schon zu seinen Zeiten als ZDF-Experte zu Gute und Guardiola wird für seine Höflichkeit weithin geschätzt. Diese Charakteristika halten beide durch, weil sich ihr Naturell dahinter verbirgt.

ZEIT ONLINE: Klopp neigt zuweilen zum Aggressiven. Schadet das seinem Ansehen als Trainer?

Mickler: Natürlich gibt es da Grenzen. Wenn man Geldstrafen für seine Reaktionen auf ein Fußballspiel bekommt, sind die überschritten. Und Klopp ist ja teilweise vor sich selbst erschrocken, als er die Bilder später gesehen hat. Als Trainer diskreditiert ihn das aber nicht. Die Leute wissen: Das ist der Kloppo. Der ist eben so.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, Sie haben einen Absolventen mit einem ähnlichen Aggressionspotenzial. Welche Strategien gibt man so einem mit?

Mickler: Nach dem Spiel gibt es mehrere Möglichkeiten, runterzufahren. Sich unmittelbar nach dem Spiel mit dem Co-Trainer oder Pressesprecher austauschen beispielsweise. Was wir generell raten: Geh nach dem Schlusspfiff erst mal auf das Feld!

ZEIT ONLINE: Wo man Jürgen Klopp immer sieht ...

Mickler: ... weil es genau das Richtige ist! Der Rasen ist eine pressefreie Zone. Dort kann dich niemand ansprechen, du reflektierst das Geschehen und trittst dann wieder mit emotionaler Kontrolle vor die Medienvertreter.

ZEIT ONLINE: Müsste man denen ebenso eine Art Aktivenkompetenz einbläuen?

Mickler: Ein zentraler Punkt! Was in der Vor- und Nachbetrachtung der Spiele festgestellt und gefragt wird, ist teilweise unverständlich. Da würde ich manchen Journalisten um mehr Empathie bitten. Was kann ein Trainer in dieser Stresssituation kurz nach Spielende überhaupt kommentieren?

ZEIT ONLINE: Es gibt sie also doch, die berüchtigten dummen Fragen.

Mickler: Den Begriff dumm würde ich vermeiden wollen. Aber Fakt ist, dass sich viele Fragen hierzulande nicht um fachliche Aspekte, sondern um Emotionen drehen. Das ist in anderen Ländern, zum Beispiel Spanien oder Italien, ganz anders.