Die Paderborner Straßenmusiker werden schon am Mittag von Fangesängen übertönt, was zumindest bei dem mit dem Xylophon gar nicht so schlimm ist. Während über ihren Köpfen blau-schwarze Flaggen wehen, die gesamte Innenstadt ist mit ihnen geschmückt, rät ein Touristenführer seiner Reisegruppe, die Gegend ab halb sechs zu meiden, sofern sie nicht gerade Fußballfans sind. "Wenn die Paderborner ihr Heimspiel gewinnen, steigen sie in die Bundesliga auf. Dann wird es hier richtig abgehen", sagt er.

Stunden später hat der SC Paderborn sein Heimspiel gewonnen. Und das, was sich zunächst im Stadion und darauf in der Stadt abspielt, ist tatsächlich eine riesengroße Fete. Paderborn, von überzeugten Großstädtern schon mal als Paderboring verschrien, wandelt sich an diesem Sonntag in Partyborn, das auf der Dezibelskala irgendwo zwischen Düsenjet und Scooter-Konzert liegt. Wenn die Bayern, Borussen und Schalker bald nach Ostwestfalen reisen, wird das wohl noch häufiger geschehen.

Der Aufstieg des SC Paderborn irritiert viele Fußballfans. Was soll man davon halten, in Zeiten, in denen die Vereine in Gut (Tradition) und Böse (Plastik) unterteilt werden? Der SCP ist kein Club aus der Retorte, kein hochgezüchteter Zombie, kein alter Bekannter, er hat kaum Rivalen, keine Freunde, kaum Tradition. Der 53. Bundesligist der Geschichte ist als Provinzverein scheinbar ein Vakuum an Bedeutung.

Aber nur scheinbar. Gerade die Provinzialität ist es, die dem SC den Triumph ermöglicht hat: In Paderborn, einer Stadt mit rund 145.000 Einwohnern, können die Offiziellen in Ruhe arbeiten, das Team konnte sich nach einer mäßigen Hinserie finden und auf das Wesentliche konzentrieren. Die Erwartungshaltung unter den Fans ist gesund, es gibt kein Tohuwabohu mit dem Boulevard, kaum Störfaktoren also. So gesehen ist der SCP dieser Tage das Gegenteil vieler Vereine, die schon längst die Nerven verloren haben. Schönen Gruß nach Hamburg.

Der Trainer spricht von Kinästhetik

Doch es braucht auch Menschen, die aus guten Bedingungen noch Besseres machen. In Paderborn ist vor allem ein Duo für den Aufstieg verantwortlich. Zunächst ist da Wilfried Finke, der Präsident und Gönner des Vereins. Viele wollten ihn schon zum Arzt schicken, als er im Winter die Vision vom Aufstieg hatte, der SCP lag da nur auf dem siebten Platz. "Ich glaube an die Kraft der Gedanken. Ohne Vorstellungskraft wird man nicht aufsteigen", sagte er.

Der Besitzer von Einrichtungshäusern hat den Club zwar aufgemöbelt und vor wenigen Jahren vor der Insolvenz gerettet. Ein Mäzen wie Dietmar Hopp ist er jedoch nicht. Der SCP ist mit einem Etat von sechs Millionen Euro aufgestiegen, dem zweitkleinsten der Liga. Für die Spitzenklasse soll das Budget auf 15 Millionen aufgestockt werden, soviel zahlt Bayern München allein seinem Trainer.

Doch im kommerziellen Fußball ist man mit wenig Geld nicht chancenlos. Der SC Freiburg und Mainz 05 beweisen das seit Jahren. Damit auch in Paderborn weiterhin aus dem schmalen Budget das Optimum entspringt, haben sich Finke und andere Offizielle des Vereins bereits im Dezember 2013 mit Vertretern aus der lokalen Politik und Finanzwelt getroffen, um einen neuen Wirtschaftsrat für den Verein zu gründen, in dem man auch den möglichen Aufstieg frühzeitig geplant hat.

Der zweite Teil des Duos ist André Breitenreiter, der Trainer. Er ist für die Aufstiegshelden verantwortlich. Seine starlose Truppe ist eine Mischung aus Kämpfern und Technikern, Erfahrung und Gier. Der ehemalige Bundesligaprofi kam zu Beginn der Saison aus Havelse, wo er mit Feierabendspielern zunächst den Niedersachsenpokal gewann und im Jahr darauf den 1.FC Nürnberg aus dem DFB-Pokal schmiss. Den DFB-Lehrgang zum Fußballlehrer hat er als drittbester seines Jahrgangs abgeschlossen. Wenn er über seine Arbeit spricht, redet er von auditiven und visuellen Reizen und von Kinästhetik. Breitenreiter hat Havelse verlassen, weil die dortigen Möglichkeiten nicht mehr seinen entsprachen. Ob er in Paderborn bleibt, ist ungewiss.

Den SC-Spielern hat er ein schnörkelloses Spiel beigebracht. Sie haben bloß 15 Tore mehr geschossen als kassiert, für einen Aufsteiger ist das nicht viel. Auch im entscheidenden Heimspiel gegen den VfR Aalen gelingt ihnen ein knapper, aber souveräner Sieg nach einem Rückstand. Und während die Spieler noch unter der Bierdusche sind, die Fans das Spielfeld belagern, hupt auf den Straßen der Autokorso.