Am 12. Juni geht's los, 32 Mannschaften spielen in Brasilien um den Titel des Fußball-Weltmeisters. Für jedes Team hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder der ZEIT die Patenschaft übernommen. Vor dem WM-Beginn haben sie "ihre Jungs" porträtiert. Lesen Sie hier die Teamvorstellungen der Gruppe A, die Gruppe B, Gruppe C, Gruppe D und Gruppe E sind ebenfalls bereits erschienen.

Brasilien

Ich war noch nicht geboren, als die sagenhaften Mannschaften von 1958, 1970 oder 1982 die Welt betörten. Doch selbst an den angeblich so viel glanzloseren Teams der späteren Jahre habe ich erkannt: Nur brasilianischer Fußball ist Fußball. Alles andere ist Gebolze. In meinem Kinderzimmer hing eine Brasilien-Flagge. Und ich bin mir sicher: Wer Brasiliens Fußball nicht mag, der mag auch keinen Sonnenschein, keine Schokolade, keine Eisbärbabys. Wer Brasiliens Fußball nicht mag, muss ein tüchtiger Stinkstiefel sein. Oder Argentinier.

Es ist eines der gröbsten Klischees der Welt: Finnen gehen in die Sauna, Franzosen essen Frösche und Brasilianer spielen Fußball, schönen Fußball, "o jogo bonito" (sorry, aber kein Brasilien-Vorstellungstext darf ohne "das schöne Spiel" auskommen). Seit Jahrzehnten wird das von Soziologen und Anthropologen auseinandergenommen. Nur auf dem Fußballplatz sei die so bunte brasilianische Gesellschaft wirklich durchmischt. Ihr Spiel sei dionysisch, also rauschhaft und wild, während das europäische apollonisch daherkommt, diszipliniert.

Soweit die Klischees. In echt wird die Seleção von Felipão trainiert, dem großen Felipe, wie sie Luiz Felipe Scolari nennen. Ein autoritärer Trainerknochen der auf Kraft und Drill setzt. Stars und ihre Sperenzchen verursachen bei ihm körperliche Leiden. Scolari ist Brasiliens Antwort auf Felix Magath. Seine Mannschaft gewann im vergangenen Jahr zwar den Confed Cup, siegte im Finale gar gegen die unbesiegbaren Spanier. Doch frische Fußballideen gab es nicht allzu viele. Wenn mal jemand nicht weiter wusste, trat er den Ball an den Superstar Neymar ab, der dann mal was probierte. Neymar, 22 Jahre alt, wurde bester Spieler des Turniers. Er soll auch der Weltmeistermacher sein.

Warum wird Brasilien Weltmeister?
Weil diese 23 Spieler trotz aller taktischen Zwänge und Disziplin immer noch Brasilianer sind.

Warum nicht?
Wegen der eigenen Fans. Die Brasilianer werden seit einiger Zeit verdächtigt, bei der Nationalmannschaft etwas zurückhaltender zu sein. Für ihren Verein würden sie sich notfalls von der Christusstatue in Rio stürzen, aber für die Nationalelf? Nur vier von 23 Spielern im Kader spielen in Brasilien, es gab keine Qualifikationsspiele, Testkicks werden der Einfachheit halber in Europa abgehalten. Wegen der teuren Tickets werden in den Stadien nicht die ärmlicheren Fanatiker sitzen, sondern vor allem die Mittelschicht, die bei einem Fehlpass auch gerne mal murrt.

Und wegen der Proteste. Als die Seleção in der vergangenen Woche in ihr WM-Quartier aufbrach, standen Demonstranten um ihren Bus herum und schrien "Não vai ter Copa", "es wird keine WM geben". Nun richtet sich die Wut vor allem gegen die Regierung, die Fifa und den brasilianischen Fußballverband, nicht gegen die Mannschaft selbst. Doch wie werden die vielen jungen Spieler reagieren, sollte es auf den Straßen wirklich hässlich werden?

Im vergangenen Jahr, während des Confed Cups, solidarisierten sich die Fußballer mit den Demonstranten. Es wurde patriotisch, alle wollten ein besseres Brasilien. Die einen gaben auf der Straße alles, die anderen auf dem Rasen. Als die Fifa die herrliche, aber sehr lange brasilianische Hymne vor den Spielen jeweils nach der Hälfte abwürgte, sangen die Menschen im Stadion einfach weiter. Einigen Spielern standen Tränen in den Augen.

Wer ist der geheime Star des Teams?
Hulk, der Stürmer, der sich so nennt wie er spielt: Grob, breitschultrig, monströs. Eigentlich heißt er Givanildo Vieira de Souza. Es gibt mehrere Legenden, wie Hulk seinen Superhelden-Spitznamen verpasst bekam. Eine besagt, dass er während seiner Zeit beim japanischen Erstligisten Tokyo Verdy in deren grünen Trikots sehr superheldig aussah. Andere wollen wissen, dass er mal einen Freistoß so hart in die gegnerische Mauer gedroschen hat, dass ein Spieler K.o. ging.