Um das Achtelfinale spielten im letzten Gruppenspiel Nordafrikaner gegen Osteuropäer – und doch war die dominierende Fußballregion der Welt, Westeuropa, nicht aus diesem Duell wegzudenken. Beide Auswahlmannschaften repräsentierten in sehr absoluter Weise jenes Verhältnis zum Westen, das in ihren Ländern als erstrebenswert gilt. Die russischen Akteure spielen alle bei heimischen Clubs. Sie sind ihr eigenes Universum, haben den Westen nicht mehr nötig, sollen jedoch konkurrenzfähig zu ihm sein. Die Startelf der Algerier bestand dagegen vollständig aus Legionären. Viele von ihnen wurden in Europa ausgebildet, einige waren sogar Jugendnationalspieler in Frankreich. Dann kehrten sie als erwachsene Nationalkicker zu ihren Wurzeln zurück, mit der in Europa gewonnen Expertise sollten sie ihrer Heimat den Aufstieg, in diesem Fall also die erste erfolgreiche Weltmeisterschaft bescheren. Nach dem 1:1, das Algerien den zweiten Platz in der Gruppe und damit den größten Erfolg seiner Fußballhistorie beschert hat, darf festgehalten werden: Es hat geklappt.

Die Algerier waren bissiger, aggressiver und hungriger als ihre russischen Widersacher. Als Sofiane Feghouli in der ersten Halbzeit mit einer Verletzung am Kopf kurz raus musste, einen Turban aus Mullbinde bekam, noch durch den Verband blutend wieder auf den Platz rannte und einfach weitergrätschte, -schnaufte und –kämpfte, wurde jedem klar, dass diese Mannschaft nicht aufgeben würde. Dabei lagen die Russen zu diesem Zeitpunkt noch in Führung, durch einen schulbuchmäßigen Kopfball von Aleksander Kokorin. Nicht unverdient war diese Führung, da Algerien nach allerhand pathetischer Selbstaufladung mithilfe von großen Sprüchen vor dem Spiel sich selbst wohl zu viel Druck gemacht hatte. 

Ein gutes Fußballspiel – wenn mit gutem Fußball technisch hochwertige Kombinationen gemeint sind – ist diese Partie indes nie geworden, gerade dann nicht, als die Algerier sich nach der Pause immer heftiger in die Bälle warfen. Allen voran Islam Slimani, die Zielperson aller Ecken, Freistöße und langer Bälle aus den eigenen Reihen. Es war folgerichtig, dass ihm der entscheidende Ausgleich gelang. Den Fauxpas dazu leistete sich Igor Akinfejew, der russische Keeper, dem schon im ersten Spiel gegen Südkorea ein Katastrophenfehler unterlief. Er wurde von einem Laserpointer geblendet, bevor er unter der Flanke durchsprang. Hätte Akinfejew den Ball sonst gehabt? Diese Situation bietet Raum für Spekulationen, zwar nicht für Dolchstoß- aber für Laser-Legenden.

Damit bleibt Russland für den Weltfußball, was der HSV für die Bundesliga ist: ein überambitioniertes Sorgenkind. Viel Tradition, noch mehr Geld, wenig kluges Management, noch weniger spielerischer Schwung nach vorne. Meistens versucht die Sbornaja irgendwie ein nicht ganz so mieses Ergebnis einzufahren, scheitert damit, im Gegensatz zu denen, die so etwas locker nehmen. Dann ärgern sich alle ungemein und im Hinterkopf sitzt sie, die Gewissheit, dass mit den vorhandenen Mitteln und dem betriebenen Aufwand doch so viel mehr drin gewesen wäre.

Algerien wird sich erholen wollen, ja müssen, wenn es gegen Deutschland eine Chance haben will. So wie die Mannschaft von Trainer Vahid Halilhodžić gegen Russland gerannt ist, statt den Ball laufen zu lassen, wird sie viel Zeit zur Regeneration brauchen. Jogi Löw wird das freuen, denn Algerien ist gewissermaßen ein Angstgegner für Deutschland, auch wenn es eine weit zurückliegende Angst ist. In seiner Fußballgeschichte verlor die DFB-Elf alle Spiele gegen Algerien, das letzte 1982. Es wird also Zeit für ein neues Kapitel Fußballgeschichte. Oder für neue Laser-Legenden.