Holland ist jetzt Kunst. Leser Reinhold Aumaier, Lyriker aus Österreich, hat uns ein Gedicht geschickt. Es heißt Robben…Island und beginnt so:

Niemand ist eine Insel 
Nur Robben, Arjen, 
vereinzelt seine Gegner
macht zu schwim
menden Inseln sie auf 
grünem Geläuf
Umkurvt sie mit stechenden
Schritten…Aus(t)ritten links/rechts.

Nach dem Wunderspiel gegen Spanien, der Atomisierung des amtierenden Weltmeister, folgte nun das vermeintliche Kanonenfutter der sogenannten Todesgruppe B: Australien, dessen Spieler über die Welt verstreut sind zwischen Katar, China und Ingolstadt. Doch völlig furchtlos machen die Gelbgrünen zunächst das Spiel – bis wieder des Dichters Held an der Mittellinie den Ball bekommt.

Schwindelt so, ein
Narr ohne Kappe
auf glatzklarem Kopf,
die Bälle ins
selbst wie seine Hüter
bloß verdutzt drein
schau’n könnende Tor.

Prosaisch gesprochen: 1:0 für Holland nach 19 Minuten – was soll da noch schiefgehen? Aber auch die Australier haben an diesem Tag einen in ihren Reihen, den es zu besingen gilt: Tim Cahill, den Rekordnationalspieler auf der letzten Station seiner großen Fußballer-Reise, die ihn von Samoa über die englische Premier League bis zum Brause-Klub in New York geführt hat. Als habe er sich unterwegs Thors Hammer ausgeliehen, wuchtet er nur eine Minute nach Robbens Führung eine gefühlte 50-Meter-Vorlage volley unter die Latte des niederländischen Tors. Pure Poesie!

Am Ende funktioniert das Spiel wie ein umarmender Reim: Auf a (Tor Holland) folgt b (Tor Australien) folgt b (Führung Australien) folgt a (Tor Holland). Aber dieses Gedicht von einem Spiel hat dann doch noch eine fünfte Zeile, zu der freilich der australische Schlussmann Ryan die Pointe liefert: Einen eigentlich harmlosen Schuss von Memphis Depay lässt er passieren, und das Ende vom Lied sind die ersten harten Fakten dieser WM: Holland ist so gut wie sicher im Achtelfinale, und Australien scheidet nach der zweiten heroischen Niederlage aus.

Fünf Lektionen, wie Oranje zu schlagen ist

Aber noch mehr lehrt diese Poetikvorlesung aus Porto Alegre, was für jene Mannschaften nützlich sein kann, die im weiteren Turnierverlauf auf die Elftal treffen.

Lektion 1: Der WM-Sieger-Besieger neigt bereits zu Hochmut. Zunächst machten Robben, van Persie und ihre Kollegen den Eindruck, als wollten sie Australien im Schonwaschgang wegspülen. Ihr Trainer Louis van Gaal hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, gegen den Angstgegner – noch nie haben die Niederlande gegen Australien gewonnen – eine neue Taktik zu ertüfteln: Sein 5-3-2-Schema hatte gegen Spanien so gut funktioniert – warum daran etwas ändern?

Lektion 2: Die vermeintlich so fabulösen Holländer sind also verwundbar, von Zweitligakickern, mit holländischen Mitteln. Denn der lange Ball auf Cahill über drei niederländische Verteidiger hinweg war eine Kopie jener Pässe, mit denen Oranje die Spanier zerlegt hatte. Die Socceroos zeigten, warum Fußball so faszinierend bleibt: In keiner anderen Mannschaftssportart könnte ein solcher Underdog mit seinen Kraut-und-Rüben-Spielern den beinahe 50 Plätze in der Weltrangliste besser platzierten Gegner derart in die Mangel nehmen. So wuchtig spielten die Australier nach vorne.

Lektion 3: Intensives Pressing behagt Hollands No-Name-Abwehr nicht wirklich. Wir reden jetzt nicht von dem spanischen Brummkreisel, der nur so tut, als sei er Pressing. Wir reden von gelbgrünen Recken, die furchtlos und engagiert gegen die vermeintliche Übermacht anrennen. Wer es dann noch schafft, selbstlos zu kombinieren und den Ball brav, aber nicht zu oft an den besser postierten Mitspieler zu geben, kann auch gegen den neuen Topfavoriten echte Chancen herausspielen. Die Chancen sollte man allerdings auch nutzen. Die Australier versuchten es verzweifelt, aber erfolglos.

Lektion 4: Holland kennt kein Konditionsproblem und keine Gnade. Als Cahill erschöpft ausgewechselt wurde, zeichnete sich ab, dass nun das Schicksal seinen Lauf nehmen würde: Oranjes Präzision und Entschlossenheit wuchs in dem Maß, in dem Australiens Kräfte schwanden.

Lektion 5: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", heißt es beim größten aller Dichter, Friedrich Hölderlin. Für diese WM gilt aber auch das Gegenteil: Wo das Rettende liegt, lauert auch Gefahr. Mit aggressivem Pressing nach dem Vorbild der europäischen Spitzenvereine sind auch vermeintliche Übermannschaften wie die neue Niederlande in die Bredouille zu bringen. Bisher konnte allerdings noch kein Team beweisen, dass dies auch unter brasilianischen Bedingungen über 90 oder gar 120 Minuten möglich ist.

Deshalb bleibt das holländische Modell mit Fünfer-Abwehr und einem Hochgeschwindigkeits-Überfallkommando vorne vorerst vorbildlich und furchteinflößend, sechs Punkte und 8:3 Tore nach zwei Spielen können nicht lügen. Wenn das so weitergeht, kann Leser Aumaier schon die Zeilen für eine Hymne auf den neuen Weltmeister Holland vorbereiten.