Die Freundin des brasilianischen Nationalspielers Neymar, Bruna Marquezine, ist in Brasilien wohlbekannt. Sie arbeitet als Schauspielerin, sie tritt in Telenovelas auf, und 2012 hatte sie eine besonders erfolgreiche Rolle als die junge Frau Lurdinha in der Serie Salve Jorge. Lurdinha verdrehte den Männern die Köpfe, weil sie verfügbar erschien, billig gar. Ihre knappen Oberteile und Shorts ließen kein Geheimnis an ihren wunderschönen Rundungen. Lurdinha war eine periguete, das ist eine portugiesische Wortspielerei mit den Begriffen "gefährlich" und "auf der Jagd". Periguetes wie Lurdinha sind in Brasilien seit einigen Jahren schwer in Mode.

Periguetes inspirieren sich am Geschmack der Unterschichten, sie lieben Kitsch und grelle Farben. Ihre Garderobe stellen sie weitgehend kriterienfrei zusammen, nur körperbetont muss sie sein, und ein hoher Absatz gehört auch dazu. Die periguete verführt immer mit ihrem Körper und nie mit ihrem Verstand; sie ist in sich selber verliebt und verführt die Männer zum Beweis ihrer Macht.

WM-Besucher sollten allerdings wissen: Im brasilianischen Alltag begegnet man kaum mal einer periguete. Brasilianische Frauen sind in aller Regel konservativer; die periguetes existieren vor allem als Kunstfiguren in Telenovelas und in der Popkultur und ganz selten als echte Frauen im Karneval oder an der Seite eines Fußballstars. Eigentlich sind sie Karikaturen.

Interessant ist, warum periguetes neuerdings derartig die Vorstellungskraft vieler Brasilianer anregen. In der oberen Mittelschicht Brasiliens, die bisher stilbildend war, scheint ein Bedürfnis zum Ausbruch entstanden zu sein. Ein Neid auf die Freiheiten, die man den unteren Schichten zuschreibt, die im Augenblick an ökonomischer Bedeutung und kultureller Sichtbarkeit in unserem Land gewinnen: sexuelle Freiheit, eine gewisse Schamlosigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper und damit eine Macht.

Wohlgemerkt: Frauen der unteren Gesellschaftsschichten sind in aller Regel auch nicht so frei, wie die feineren Damen der Gesellschaft es vermuten, das ist bloß eine Projektion ihrer Wünsche. Sie brächen eben so gerne mit den Regeln ihrer Welt, in der eine strenge bürgerliche Doppelmoral herrscht, wo sie häufig Keuschheit vorspielen oder Treue vortäuschen müssen. Es ist eine anstrengende Welt.

So ist die periguete zu einem begehrenswerten Ideal geworden, für Männer wie für Frauen. Doch natürlich ist die Sache ambivalent. Die Macht der periguete ist vergänglich, alte periguetes gibt es nicht. Und kaum ein Mann wird eine periguete zur Mutter seiner Kinder wählen. Das ist aber ein großes Problem für eine Brasilianerin: Ehefrau und Mutter wollen hierzulande fast alle sein, was auch sehr verständlich ist, denn Ehefrau und Mutter zu sein verleiht in unserer Gesellschaft eine enorme Macht, anders und größer als die Verführungskraft der periguete.

Periguete sein, das ist in unserer Vorstellungswelt daher eine Phase. Im Leben der periguete gibt einen Moment der Umkehr, einen Weg der Vergebung und Sühne: Sie hängt das Verführen an den Nagel, unterwirft sich den Konventionen, wird schwanger und heiratet. Manchmal leben wir Brasilianer doch in einem verdammt katholischen Land.

Aus dem Portugiesischen von Thomas Fischermann